Vergleichszahlen zur Nutzung pflegerischer Dienste liegen abgesichert nicht vor. Folgende Ansätze zur Reduktion der hohen Kontaktzahlen zur PV wurden identifiziert. 3.3.1 Stärkung der Gesundheitskompetenz und Unterstützung bei der eigenen Entscheidungsfindung Um auch in Anbetracht der demografisch zu erwartenden Mehrbelastung den Bedarf nach professioneller Primärversorgung nicht weiter anwachsen zu lassen beziehungsweise auf ein international übliches Niveau abzusenken, sind präventive Strategien und Möglichkeiten zur Reduzierung der Patientenkontaktzahlen in der Primärversorgung allen anderen, womöglich restriktiven Maßnahmen vorzuziehen. Damit sollen die Betroffenen besser befähigt werden, eigenverantwortliche Maßnahmen zu ergreifen beziehungsweise ihre Lebensweise und-lage so zu gestalten, dass eine Verschlechterung von Beschwerden verhindert oder verzögert wird. Stärkung der Gesundheitskompetenz durch Aneignung von Gesundheitswissen, Gesundheitsförderung und Primärprävention Gesundheitskompetenz umfasst die Fähigkeit von Menschen, Gesundheitsinformationen in unterschiedlicher Form zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden. In Deutschland weisen gegenwärtig jedoch 55,7 Prozent der Bürger:innen eine geringe Gesundheitskompetenz auf, bei Menschen mit niedrigem Sozialstatus, finanzieller Deprivation und niedrigem Bildungsniveau liegt der Anteil bei über 77 Prozent. Im Vergleich zu 2019 hat sich nur die digitale Gesundheitskompetenz der Bevölkerung merklich verbessert, also die Fähigkeit, verlässliche Informationen zu Gesundheitsfragen im Internet zu identifizieren(Schaeffer et al. 2025). Entsprechend ist die Bereitschaft, Eigenverantwortung bei Krankheit oder Gesundheit zu übernehmen, wenig vorhanden – wohl auch, da tradiertes Gesundheitswissen nicht mehr erlernt wird beziehungsweise aufgrund der sich wandelnden Familienstrukturen nicht abgerufen werden kann. Primärpräventive Maßnahmen brauchen einen mittel- bis langfristigen Vorlauf, bevor sie die Krankheitslast einer Bevölkerung spürbar reduzieren(Masamitsu et al. 2018; Jousilahti et al. 2016). Die steigenden Zahlen primärpräventiv anzugehender Erkrankungen beziehungsweise der Gebrauch von gesundheitsschädlichen Produkten und Stoffen zeigen, dass Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung hierzulande, insbesondere bei Jugendlichen, in der Vergangenheit zu lange versäumt wurden. Deutschland verweigert immer noch einfache und international bewährte Regulationen, wie eine Zuckersteuer, ansteigende Altersbegrenzungen für den Tabakkonsum oder zeitliche und örtliche Zugangsbeschränkungen zu Alkohol. In diesem Zusammenhang ist auf die Kompetenz und Aktivitäten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes(ÖGD) zu verweisen, der über seine quartiersnahen Angebote, die ihm landesgesetzlich vorgegeben sind, einen systemischen Zugang zu den unterschiedlichen lokalen Lebenswelten eröffnen kann. Dies betrifft, je nach länderbezogener Ausprägung, ein breites Spektrum von Angeboten der Mütterberatung, der Schulgesundheitspflege, der Gesundheitsberichterstattung, von gruppenspezifischen Angeboten für besonders gesundheitlich belastete Gruppen oder auch mittels der oft ausgeprägten präventiven Quartiersarbeit. Der ÖGD ist von daher Bestandteil eines umfassenden Primärversorgungsverständnisses und kann eine gemeinsame Präventionsstrategie prägend unterstützen (Hänel et al. 2025). Eine relevante, international erprobte Maßnahme zur zielgruppenorientierten Prävention ist der Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften, die sowohl zu einer Verbesserung der Gesundheitskompetenz und zur Primärprävention im Schulalter relevante Impulse beitragen wie auch das schulische Coping 6 von erkrankten Kindern erleichtern können (Metzner-Guczka et al. 2025; Vogt et al. 2025). Mit weniger zeitlichem Vorlauf sind Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung und Vorsorge von zunehmender Pflegebedürftigkeit erfolgreich. Dies betrifft einerseits eine Einflussnahme auf die Lebensumstände hochbetagter Menschen, bei denen es versäumt wird, Belastungen oder gesundheitliche Gefahren, wie z. B. Stürze, zu vermindern. Ein weiterer Fokus soll andererseits auf die nicht immer vorhandene Kompetenz pflegender Angehöriger zur Verhinderung einer zunehmenden Fragilität gelegt werden. Die jüngste Studie der OECD belegt den qualitativen und ökonomischen Nutzen der Pflegeprävention. 7 Handlungsempfehlungen → Im Public Health Index(AOK/DKFZ 2025) schneidet Deutschland deutlich unterdurchschnittlich ab. In drei von vier Bereichen – Tabak, Alkohol und Ernäh rung – landet die Bundesrepublik auf den hinteren Rängen. Staatliche Maßnahmen, die die Attraktivi tät und den Konsum anerkannter schädigender Substanzen(Noxen) für die Gesundheit(Alkohol, Tabak und Zucker) mindern, sind endlich gesetzlich umzusetzen. Wirtschaftliche Interessen einzelner Branchen dürfen in Deutschland nicht länger höher bewertet werden als die Gesundheit der Bevölkerung. 6 Copping bezeichnet die Bewältigungsstrategien von Kindern im Umgang mit Stress, Leistungsdruck und Ängsten im Schulalltag. 7„Schätzungen der OECD zeigen, dass eine Erhöhung der Ausgaben für Prävention um 10% innerhalb von fünf Jahren zu einer Reduktion chronischer Erkrankungen und zu einer Senkung der Gesundheitsausgaben um etwa 0,9% führen kann. Präventive Maßnahmen, wie Hausbesuche in Norwegen, verringern zudem Krankenhauseinweisungen, Aufnahme in Langzeitpflegeeinrichtungen, Aufenthaltsdauer im Krankenhaus sowie die Sterblichkeit älterer Menschen(OECD 2025). 12 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.
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Reformbedarf in der Primärversorgung : für ein zukunftsfestes Gesundheits- und Pflegewesen
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