Einleitung
Die Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie von einer proletarischen Klassenpartei mit revolutionärem Anspruch zu einer breite Schichten des Bürgertums erfassenden reformorientierten Volkspartei soll mit dieser Sammlung von Programmen und programmatischen Verlautbarungen schwerpunktartig beleuchtet werden. Dabei ist zur Beurteilung der abgedruckten Dokumente auf die dreifache Funktion von Parteiprogrammen hinzuweisen: Einmal sind sie ein Reflex bereits vollzogener theoretischer Entwicklung, zum anderen geben sie ihrerseits wiederum Anstöße zu einer weiteren gedanklichen Durchdringung. In bestimmten politischen und sozialpychologischen Situationen kann außerdem die Möglichkeit hinzutreten, mit Hilfe einer der tatsächlichen Parteipraxis nicht entsprechenden offiziellen Programmatik immer stärker auseinander strebende Parteiflügel zu integrieren und die organisatorische Einheit zu bewahren.
Der Begriff»Sozialdemokratie« ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit durchaus entgegengesetzten Inhalten gefüllt worden. In den verschiedenen Phasen hat er sowohl revolutionäre als auch reformistische Bedeutung erhalten. Bereits 1848 hatten sich die Männer der ersten großen deutschen Arbeiterorganisation, der»Arbeiterverbrüderung«,»Sozial-Demokraten« genannt, um zu dokumentieren, dass auf der Grundlage der Demokratie soziale Verbesserungen erzielt werden sollten. Im März 1850 bestritt Marx u.a. auch diesen»republikanischen Kleinbürgern« das Recht, sich»sozialdemokratisch« zu nennen, und unterlegte diesem Begriff einen proletarisch-revolutionären Sinn, den dieser— in der Theorie— bis zum Ersten Weltkrieg behielt. J.B. von Schweitzer, nach Lassalles Tod der führende Kopf im 1863 gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV), nannte das von ihm redigierte ADAV-Organ»Der SozialDemokrat« und betrieb die Begründung einer»sozialdemokratischen Partei«. Zum ersten Mal tauchte das Adjektiv 1869 offiziell im Namen der Eisenacher Partei auf, wurde jedoch beim Gothaer»VereinigungsCongress der Sozialdemokraten Deutschlands«(so der Protokolltitel) 1875 durch das zu dieser Zeit inhaltlich identische Wort»sozialistisch« ersetzt, aber nach Auslaufen des Sozialistengesetzes 1890 endgültig wieder in den bis heute gültigen Parteinamen aufgenommen.