Elektrifizierung industrieller Prozesse treiben die Nachfrage nach leistungsfähigen elektrischen Ausrüstungen. Gleichzeitig bestehen im Bereich der Halbleiter und Photonik kritische Abhängigkeiten von außereuropäischen Lieferketten, die bei geopolitischen Spannungen zu Versorgungsengpässen führen können. Im Bereich der Materialforschung bietet zudem die Verbindung von Künstlicher Intelligenz und Chemie erhebliche Innovationspotenziale. Algorithmen für maschinelles Lernen und graph-neuronale Netzwerke können chemische Reaktionen modellieren und die Identifikation neuer, nachhaltiger Materialien beschleunigen(Buchmann et al. 2025). Die Außenwirtschaft ist das Herzstück des Erfolgsmodells Baden-Württemberg. Mit Exportquoten zwischen 38 Pro zent(Metallerzeugnisse) und 77 Prozent(Automobilindust rie) im Jahr 2024 sind die Kernsektoren tief in die Weltmärk te integriert und damit in erheblichem Maße anfällig für geopolitische Verwerfungen(Demmelhuber und Schaller 2024; Schwäbe 2025). Die USA sind jenseits der EU das wichtigste Exportziel; das Zollregime der Trump-Administration trifft daher vor allem die automobile Wertschöpfungskette und den Maschinenbau direkt. Ein strukturell tiefgreifendes Problem ist zudem die Neupositionierung Chinas: Wo Baden-Württemberg lange einen der wichtigsten Wachstumsmärkte sah, entsteht nun ein ernsthafter Wettbewerber – von der Elektromobilität über Maschinenbauerzeugnisse bis hin zu Cleantech-Produkten. Gleichzeitig bleibt das Land über kritische Rohstoffe – insbesondere seltene Erden für die Elektrifizierung – abhängig von chinesischen Lieferketten(Schwäbe 2025). Auch der Masterplan Mittelstand identifiziert zunehmenden Protektionismus, fragile globale Lieferketten und die Konzentration auf bestimmte Beschaffungsländer als wesentliche Risikofaktoren (ZWE, IAW, IfM 2024). Kritische Vorprodukte wie Halbleiter, seltene Erden oder Spezialstähle sind oft geopolitisch sensiblen Lieferketten ausgesetzt, während Regulierungen wie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz mittelständische Unternehmen mit Compliance-Aufwand belasten, der ihre Flexibilität bei der internationalen Beschaffung einschränkt (ZWE, IAW, IfM 2024). Hinzu kommt die Energieversorgung als strategisches Thema: Baden-Württemberg importiert Strom, und der Ausbau erneuerbarer Energien verläuft langsamer als in anderen Bundesländern. Der Aufbau resilienter Lieferketten, die Stärkung der Kreislaufwirtschaft, alternative Ressourcenquellen und erneuerbare Energieinfrastrukturen werden daher als strategische Prioritäten identifiziert, mit denen problematische Abhängigkeiten aus dem Ausland reduziert werden können – was jedoch für exportorientierte Industrien auch einen Industriestrompreis, handelspolitische Schutzmaßnahmen wie Zölle oder Importquoten sowie eine Mobilisierung der Binnennachfrage durch Subventionen oder Regulierung notwendig machen kann(Buchmann et al. 2025; Schwäbe 2025; Stein bach et al. 2024). Viele der konkreten Herausforderungen der Industrie bei der Sicherstellung des Zugangs zu Ressourcen oder Absatzmärkten haben nun auch eine politische Dimension und erfordern einen neuen Abstimmungsbedarf zwischen Industrie und Politik. Die nachfolgende SWOT-Analyse der fünf Kernsektoren zeigt ein einheitliches Bild: Die Industrie Baden-Württembergs verfügt über eine starke, aber technologisch herausgeforderte Basis. Traditionelle Stärken in Verbrennungsmotoren, klassischem Maschinenbau und Metallproduktion werden im Zuge struktureller Transformationen zunehmend zum Risiko und führen zu einem Lock-in auf bestehende Branchen bei zu geringer Offenheit für neue Wertschöpfungsfelder. Gleichzeitig bestehen erhebliche Chancen: Maschinenbau, Elektro- und Elektronikindustrie, Automobilund Metallbranche sowie die Chemie können von Industrie5.0-Technologien, Energiewende, neuen Antriebssystemen, Kreislaufwirtschaft und Power-to-X profitieren. Voraussetzung ist jedoch, zentrale Risiken wie Fachkräftemangel, Bürokratie, langsamen Technologietransfer und mangelnde strategische Koordination abzubauen. Entscheidend ist daher eine strategische Klärung, welche Zukunftsfelder Baden-Württemberg priorisieren will – etwa in Bereichen wie Halbleiter, KI-Infrastruktur oder sicherheitsrelevante Technologien – und wie der Strukturwandel sozialverträglich gestaltet werden kann. Technologische Pfadabhängigkeiten und Lock-in Ein Lock-in entsteht, wenn sich eine Technologie oder ein Produktionsverfahren so stark durchgesetzt hat, dass ein Wechsel zu anderen technologischen Pfaden schwierig oder unwirtschaftlich wird – selbst wenn diese Alternativen eigentlich besser wären. Ursachen sind unter anderem getätigte Investitionen, aufgebautes Know-how, etablierte Infrastrukturen und eingespielte Lieferketten. Lock-ins können jedoch gerade industriepolitisch notwendig sein: Sie ermöglichen Skaleneffekte, Spezialisierung und Planungssicherheit (Dosi 1982). So ist die starke Automobilindustrie in Deutschland das Resultat eines erfolgreichen Lock-ins in die Verbrennertechnologie, die auf diese Weise durch Skalierung und Innovationsfähigkeit immer weiter verbessert werden konnte. Die Herausforderung für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik besteht darin, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um sich auf neue vielversprechende Pfade festzulegen – und gleichzeitig zu vermeiden, dass veraltete Technologien zu lange geschützt werden(Weber et al. 2021). 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.
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Wege zur Zukunftsfähigkeit : strategische Industriepolitik für Baden-Württemberg
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