FES-Analyse Afghanistan Gunter Schubert Mai 2001 ♦ Wegen der Zerstörung der wertvollen Buddha-Statuen von Bamiyan rückten der afghanische Bürgerkrieg und die prekäre Menschenrechtssituation am Hindukusch für kurze Zeit wieder in das Bewusstsein der internationalen Öffentlichkeit. Einmal mehr wurde die Ohnmacht der Staatengemeinschaft deutlich, dem religiösen Fundamentalismus und kulturellen Ikonoklasmus des Taliban-Regimes Grenzen zu setzen. Die im Januar 2001 erneut gegen„Talibanistan” verhängten Sanktionen der Vereinten Nationen werden an diesem Tatbestand kaum etwas ändern können. ♦ Alleinige Schutzmacht der Taliban ist Pakistan, während alle anderen Anrainerstaaten sowie die USA die Nordallianz unterstützen. Von Pakistan geht auch der für das Regime in Kabul lebensnotwendige Zustrom islamistischer Untergrundkämpfer und Milizionäre aus. Die pakistanische Regierung unterstützt zwar die VN-Sanktionen, hat jedoch kaum einen Einfluss auf die vielen Koranschulen und die sie tragenden islamistischen Gruppen im eigenen Land, aus denen sich die Taliban rekrutieren. ♦ Faktisch hat sich auf afghanischem Boden eine„islamistische Internationale” verselbständigt, die nicht nur in Afghanistan selbst, sondern auch in Kaschmir, Zentralasien, China und im Mittleren und Nahen Osten operiert. Der international gesuchte Terrorist Usama bin Laden, dessen Auslieferung die VNSanktionen dienen sollen, spielt in diesem Netzwerk eine zentrale Rolle. ♦ Der Afghanistankonflikt kann nicht losgelöst von der Ausbeutung der Erdöl- und Erdgasvorkommen Zentralasiens betrachtet werden. Im Kampf um Pipelines und Profite beteiligen sich die USA, Russland, China und die kleineren Nachbarstaaten Afghanistans an einem Spiel nach den Regeln der Nullsummenpolitik des 19. Jahrhunderts. Ohne eine international abgestimmte Ressourcenpolitik drohen jedoch große Gefahren für den regionalen Frieden und die Fortsetzung der afghanischen Staatsimplosion. ♦ Die Herrschaft der Taliban zeigt sich derzeit weitgehend stabil. Vermeintliche Risse in der Führung können nur vertieft und das Regime nur geschwächt werden, wenn die externen Akteure ihre Interessengegensätze überwinden und eine gemeinsame Afghanistanpolitik entwickeln. Eine solche Politik ist gegenwärtig jedoch nicht in Sicht, so dass der Krieg am Hindukusch weitergehen und der religiöse Fundamentalismus der Taliban sich möglicherweise noch verschärfen wird. Herausgeber und Redaktion: Albrecht Koschützke, Stabsabteilung der Friedrich-Ebert-Stiftung 53170 Bonn, Tel.: 0228-883376, Fax: 883432, eMail: Albrecht.Koschuetzke@fes.de
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