bevölkerung in Städten, ohne daß hinreichende Infrastrukturen vorhanden wären. Außerdem hat sich auch die Versorgung der städtischen Bevölkerungsmassen mit Gütern des Grundbedarfs stetig verschlechtert. Die Verstädterung, das damit wachsende Verkehrsaufkommen sowie die rasch zunehmenden Ver- und Entsorgungsprobleme bei Wasser und Energie und bei der Müllabfuhr bedingen gravierende Umweltprobleme. DiE Verstädterung, die Industrialisierung und der Tourismus, die sich auf die dicht bevölkerten Küstenregionen konzentrieren, sind die Ursache von bald irreparabler Trinkwasserverschmutzung und Bodenverseuchung. Jedoch werden die ökologischen Grenzen oft auch schon in den Landgebieten überschritten. Im Agrarsektor sind die Landnutzungsmethoden bodenzerstörend: Heute sind allein in Nordafrika etwa 130 Mill. ha. Weideland von der Wüstenbildung bedroht, und wichtige Feuchtgebiete sind bis auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Ausdehnung geschrumpft. Unter solchen Bedingungen ist die- durch die Wirtschaftspolitik seit Jahren vernachlässigte Landwirtschaft stagnierend. Überall herrschen politische Rahmenbedingungen, unter denen es kaum Anreize für eine Ausweitung der Nahrungsmittelproduktion gab. Deshalb kann kein Land die Bevölkerung aus eigener Produktion ernähren: In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre konnten z. B. Algerien nur noch 32 v. H. und Tunesien 46 v. H. des Getreidebedarfs selbst produzieren. Der Rest mußte(und muß) importiert werden, was mangels Deviseneinnahmen wegen gesunkener Rohstofferlöse und der international nicht wettbewerbsfähigen Industrie kaum bezahlt werden kann. Entstehung eines beträchtlichen Migrationspotentials In dieser Lage hat sich in den südlichen Anrainerländern des Mittelmeeres ein beträchtliches Migrationspotential aufgebaut. Denn unter den dargestellten Bedingungen kann in keinem dieser Länder die rasch wachsende aktive Bevölkerung hinreichend mit Reihe Eurokolleg 19(1992) Arbeitsplätzen versorgt werden: Während der achtziger Jahre wären zur Vollbeschäftigung der heranwachsenden aktiven Bevölkerung(zwischen 20 und 59 Jahren) z. B. in Algerien jährlich 180.000 bis 200.000, in Marokko jährlich 160.000 und in Tunesien jährlich 60.000 bis 70.000 neue Arbeitsplätze notwendig gewesen. Geschaffen wurden hingegen gerade etwa rund 100.000, 115.000 und 45.000 Arbeitsplätze. Jahr für Jahr blieb das Beschäftigungsdefizit also groß. Deshalb herrscht in allen Ländern Nordafrikas eine hohe Arbeitslosigkeit. Für die achtziger Jahre wiesen die offiziellen Statistiken in Algerien, Marokko und Tunesien Arbeitslosenquoten zwischen 15 und 23 v, H. aus. Es versteht sich von selbst, daß die hier dokumentierte Arbeitslosigkeit nur die „ Spitze des Eisberges" Beschäftigungsproblem darstellt. Wenn die Zahlen überhaupt korrekt sind, so umfassen sie in keinem Fall die „ versteckte" Arbeitslosigkeit durch(unproduktive) Unterbeschäftigung. Würde man diese berücksichtigen, lägen die Werte mindestens bei etwa 40 v. H. der aktiven Bevölkerung insgesamt. Arbeitslos sind ganz besonders die schlecht ausgebildeten, oft illiteraten jugendlichen: Wenn 40 bis 45 v. H. der Bevölkerung jünger als 14 Jahre ist, nimmt es nicht Wunder, daß in Algerien etwa 80 v. H., in Marokko 70 v. H. und in Tunesien über 50 v. H. der Arbeitslosen im Jugendalter stehen. Da die Jugendlichen wenig zu verlieren haben und deshalb eine hohe Mobilitätsbereitschaft aufweisen, versteht es sich von selbst, daß die dargestellten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände, besonders aber die Arbeitsmarktverhältnisse, ein erhebliches Migrationspotential besonders unter den Jugendlichen wecken. Alles in allem wird man demnach in den Ländern Nordafrikas mit einem arbeitsmarktbedingten Migrationspotential von mindestens 0,8 bis 1 Mill. Menschen jährlich rechnen müssen. 5
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