Gesine Fuchs& Beate Hoecker Ohne Frauen nur eine halbe Demokratie Politische Partizipation von Frauen in den osteuropäischen Beitrittsstaaten Einleitung und Problemaufriss Eine ausgewogene politische Partizipation und Repräsentation in einer Gesellschaft stellt neben der institutionellen Verankerung demokratischer und rechtsstaatlicher Verfahren eine wesentliche Voraussetzung für eine lebendige Demokratie dar. Die Tatsache, dass Frauen an den politischen Entscheidungs- und Willensbildungsprozessen nur marginal bis mittelmäßig beteiligt sind, ist daher ein zentrales Problem für Theorie und Praxis der Demokratie. Eine vermehrte oder gar paritätische Frauenpräsenz in politischen Entscheidungsgremien bedeutet allerdings noch nicht automatisch, dass Gleichberechtigung verwirklicht wird. Dafür muss das Thema in den Hauptstrom der politischen Diskussion kommen und una bdingbarer Maßstab für jede politische Entsche idung werden. Das Problem stellt sich in den Staaten der EU ebenso wie in den zehn Staaten, die 2004 hinzukommen: So beträgt der durchschnittliche Frauenanteil in den jetzigen EU-15 Staaten 23% und im Europäischen Parlament 31%. Diese Zahlen stiegen seit den neunziger Jahren kaum mehr an. Die politische Beteiligung von Frauen in den Beitrittsstaaten ist niedriger als in den EU-15, sowohl in Parlamenten(16%) als auch Regierungen(13%). Nur auf knapp 15% der BeobachterMandate für die neuen Mitglieder im Europäischen Parlament wurden Frauen entsandt. Politische Kultur und Einstellungen in diesen Staaten sind einer politischen Beteiligung von Frauen nicht gerade förderlich. Auch nur ein kleiner Teil der politischen Eliten der Beitrittsländer sieht Gleichstellung als eine politische Aufgabe an. Geschlecht gilt den meisten als biologische und nicht als soziale Kategorie. 1995 hat der EU-Beitritt von Schweden, Finnland und Österreich, Ländern mit einer Tradition von Gleichstellungspolitik, der weiblichen Partizipation und der Gleichstellungspolitik einen Schub gegeben(mehr Kommissarinnen, Task Force der Kommission zur Chancengleichheit u. a. m.). Darum ist im Umkehrschluss zu befürchten, dass der Beitritt der zehn neuen Staaten einen Backlash in politischer Beteiligung und Repräsentation von Frauen sowie in der Gleichste llungspolitik begünstigen wird. Die Europäische Union hat in ihren Kopenhagener Kriterien die Grundvoraussetzungen für den Beitritt weiterer Staaten niedergelegt. Neben institutioneller Stabilität und einer funktionierenden Marktwirtschaft ist darin drittens die Verpflichtung zur Einhaltung der Ziele und die Übernahme des Besitzstandes der EU festgehalten. Integraler Bestandteil dieses Besitzsta ndes ( acquis communautaire ) ist die Gleichstellung von Männern und Frauen und ihre aktive Förderung, zu der sich die EU im Vertrag von Amsterdam(1997) verpflichtet hat. Die Beitrittsländer müssen somit zum einen die zehn, vom Rat der EU bislang vera bschiedeten gleichstellungspolitischen Richtlinien übernehmen und umsetzen sowie zugleich institutionelle und administrative Strukturen aufbauen, die eine tatsächliche Anwendung und Durchsetzung der Gleichstellungsrechte ermöglichen. Ohne Chancengleichheit kein Beitritt, so die Theorie. In der Praxis gab und gibt es jedoch erhebliche Probleme bei der Übernahme und Umsetzung des gemeinsamen Besitzsta ndes. Dies war auch in anderen Politikfeldern kompliziert, doch bei Gleichstellungsfragen war der Wide rstand teilweise hartnäckig. Kann man von den neuen Mitgliedern erwarten, den"gender-acquis" zu übe rnehmen, wo dieser selbst in den 15 jetzigen EULändern häufig nur lückenhaft oder in bescheidenem Maße verwirklicht ist? Und was können wir vom Be itritt in bezug auf die politische Repräsentation von Frauen erhoffen? Hier hat sich die Europäische Union anders als im Erwerbsbereich, mit starken Politiken und Richtlinien bisher zurückgehalten und eher unverbindliche Empfehlungen und Resolutionen verabschiedet. Im Folgenden werden die Einflussfaktoren auf die politische Partizipation von Frauen skizziert und die Situation in den ostmitteleuropäischen Beitrittsstaaten vorgestellt, die das Gros der neuen Länder ausmachen und sich durch die gemeinsame realsozialistische Vergangenheit auszeichnen. Zusätzlich wird auch auf Bulgarien und Rumänien Bezug genommen, die erst in einer nächsten Erweiterungsrunde hinzukommen. Welches sind die Gründe und Perspektiven für diese Entwicklungen? Welche politischen Möglichkeiten und Szenarien für Veränderungen hin zu einer ausgewogenen Vertretung von Frauen und Männern in der Politik gibt es?
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Ohne Frauen nur eine halbe Demokratie : politische Partizipation von Frauen in den osteuropäischen Beitrittsstaaten
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