Michael Dauderstädt* Vom Ostblock in die Europäische Union: Reformen, Anpassung, Konflikte W enn im Mai 2004 acht Länder, die vor 15 Ja hren noch Planwirtschaften des kommunistischen „Ostblocks“ waren, der Europäischen Union(EU) beitreten, haben sie einen langen und schmerzhaften Anpassungs- und Reformprozess hinter sich. Bevölkerung und Eliten der Beitrittsländer haben diese Belastungen auf sich genommen, um wichtige nationalpolitische Ziele, die innere Freiheit, die äußere Unabhängigkeit und die„Rückkehr nach Europa“ zu erreichen. Aber sie haben sich auch ein westliches Wohlstandsniveau erhofft, das der„reale Sozialismus“ nicht bieten konnte. Der schleichende Kollaps der Planwirtschaft war eine wichtige Ursache des politischen Wandels in Mittelund Osteuropa. Die jungen Demokratien sahen sich also gleichzeitig mehreren Aufgaben gege nüber: de m Aufbau eines neuen Nationalstaates(nur Polen und Ungarn existierten schon 1989 in ihren heutigen Grenzen), der Demokratisierung der alten Parteidiktatur, dem Systemwechsel zur Marktwirtschaft und nach außen der Integration in den Weltmarkt und vor allem in die sich neu gestaltende europäische Wirtschaft. Diese vier politischen und ökonomischen Transformationen sind eng miteinander verflochten. Wenn im Folgenden die wirtschaftliche Entwicklung dargestellt wird, so ist dies nicht ohne Bezug auf die Politik möglich. Wir beginnen mit dem Reformprozess, der die Strukturen der Planwirtschaft zerschlug und die Marktwirtschaft etablierte. Anschließend betrachten wir die zwiespältigen wirtschaftlichen Ergebnisse dieser Reformen. Danach widmen wir uns der außenwirtschaftlichen Integration und Anpassung an die EU, um abschließend die Chancen, Risiken und Konflikte für die neuen Mitglieder und die erweiterte EU einzuschätzen. Marktwirtschaftliche Reformen Der Umbau der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft war eine beispiellose Herausforderung, zu der es weder * Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn. Erweiterte und überarbeitete Fassung eines Aufsatzes, der unter dem Titel„Die Transformation und Integration der Wirtschaft der postkommunistischen Beitrittsländer“ in der Beilage zur Wochenzeitung„Das Parlament“ vom 2.2.2004„Aus Politik und Zeitgeschichte“ B 5-6/2004, S.15-24 erschienen ist. Modelle noch akzeptierte theoretische Konzepte gab. Der Systemwechsel erforderte im Inneren eine Liberalisierung und Privatisierung der Wirtschaft, der aber zwangsläufig mit einem Aufbau von neuen Institutionen zur Regulierung den so entstehenden Märkten verbunden war. Der erste Schritt war die Freigabe der meisten Preise- mit Ausnahme von Mieten, Energie, Transport und einigen Grundbedarfsgütern, die später folgten. Damit ergaben sich massive Veränderungen der Realeinkommen, vor allem bei Beziehern nominal fester Transfereinkommen(z.B. Renten). Die auße nwirtschaftliche Liberalisierung wird unten(Abschnitt 3) behandelt. Die Privatisierung gestaltete sich schwieriger und langwieriger als die Liberalisierung. Teilweise erhielten enteignete Alteigentümer vorrangige Eigentumsa nsprüche(z.B. in Tschechien, Lettland). Wohnungen und kleine Unternehmen wie Läden, Restaurants und Handwerksbetriebe fanden meist rasch neue individuelle Eigentümer. Bei der Privatisierung de r großen Staatsunternehmen waren vielfältige Interessen und Ziele zu berücksichtigen. Die Ungarn übertrugen die Aufgabe einer staatlichen Institution ähnlich der deutschen Treuhandanstalt; die Tschechoslowakei entschloss sich zu einer radikalen und raschen Kuponprivatisierung, behielt aber eine Reihe„strategischer“ Unternehmen in Staatshand; die Slowakei folgte diesem Weg dann nicht weiter. Die Polen taten sich lange mit der Wahl der Privatisierungsmethode schwer und führten schließlich Investitionsfonds ein, an denen(auch) die Bevölkerung Anteile erhielt. In Estland verkaufte die Regierung ihre Anteile an öffentlichen Unternehmen vorzugsweise an wenige ausländische Großinvestoren. Litauen entschied sich für die Kuponprivatisierung, während Lettland nach längerem Hin und Her die Aufgabe 1994 einer eigenen Agentur übertrug. Die Slowenen verfolgten einen Mix von Privatisierung über Zertifikate für alle Bürger und über einen zentralen 1 Fonds. „Freie“ Märkte und ihre privaten Marktteilnehmer brauchen Regeln und Institutionen, die der Staat bereitstellen muss. 1 Vgl. Georg Brunner, Privatisierung in Osteuropa – eine typologische Skizze, in: Osteuropa, 1999, S.2-43.
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