Druckschrift 
Zur Diskussion eines "einseitigen Rückzugs" : die Lage in Israel nach der Tötung von Scheich Jassin
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Zur Diskussion eineseinseitigen Rückzugs: Die Lage in Israel nach der Tötung von Scheich Jassin Nach dergezielten Tötung von Hamas-Oberhaupt Scheich Ahmed Jassin am 16. März 2004 stellt sich die Frage, ob die Regie rung von Ministerpräsident Ariel Scharon ih­re politische Strategie geändert hat. Insbesondere in Europa werden unabgestimmte Aktionen Israels befürchtet mit unabsehbaren Kon­sequenzen in der Nahostregion und darüber hinaus. Die Politik Scharons ist jedoch in ihren wich­tigsten Ansätzen unverändert: Klare Trennung von den Paläs­tinensern nach Maßgabe israeli­scher Sicherheitsbe dürfnisse. Die sog. Grüne Linie ist dabei nicht bindend. Akzeptanz eines palästinensschen Staates, ähnlich wie in der Road Map gefor dert, allerdings mit zusätzlichen israelischen Si­cherheitsauf lagen. Keine Verhandlungen mit Prä­sident Jassir Arafat; höchstens mit einem vom palästine nsischen Parlament bestätigten Minister­präsidenten, der Willen zur Re­form der Sicherheitskräfte und Bekämpfung von Hamas, Islami­scher Jihad und Al Aksa-Briga­den bewiesen hat. Keine Verhandlungen mit Ha­mas und Jihad, sondern deren sys tematische Schwächung.Ge­zielte Tötung ihrer Führungs­eliten wird dabei als militärische Variante ange sehen. Enge Abstimmung mit den USA in allen relevanten militäri­schen, politischen und wirtschaft­lichen Fragen. Seit Anfang 2004 steht darüber hinaus der sog. Disengagement ­Plan Scharons im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion, während der Mord an Scheich Jassin und seine Konsequenzen für den isra­elisch-palästinensischen Konflikt eine untergeordnete Rolle spie­len. Im folgenden soll dieser Plan in die innenpolitische Debatte in Israel eingeordnet werden. Der Disengagment-Plan der Regierung Scharon Kennzeichnend für die Politik der Regierung Scharon seit ihrem Amtsantritt im Februar 2003 ist ein faktischer Stillstand im sog. Friedensprozess trotz einiger auch aus der israelischen Gesell­schaft heraus entwickelten Frie­densinitiativen wie z.B. der Gen­fer Initiative und ungeachtet des politischen Drucks von seiten der US-Administration. Der Leiter des Ministerpräsidentenbüros, Dov Weissglass, reiste von Zeit zu Zeit zu Sondierungsgesprä­chen nach Washington, wobei es meist um Fragen zum Verlauf des Sicherheitszauns ging. 1 Ent­scheidendes wie z.B. ein Ab­zug aus der Westbank und dem Gaza streifen, wie es die Road Map vorsieht geschah für die öffentliche Wahrnehmung je doch 1 Dieser Tage zeichnet sich ein Kopromiss ab, der im wesentlichen Scha­rons Vorstellungen über den Ve rlauf der Sicherheitsanlage bestätigt und le­diglich eineVision für künftige Veränderungen offen hält. Vgl. u.a. Haaretz 31.03.2004. nicht, zumal die palästinen­sische Seite nicht bereit schien zu Zugeständnissen bei Sicher­heitsfragen. Ende letzten Jahres allerdings schien Bewegung in Scharons Politik gegenüber den Palästi­nensern gekommen zu sein: In seiner Rede zum Abschluss der Herzliya-Konferenz 2 am 16. Dezember 2003 erklärte er noch etwas unbestimmt, aber deutlich vernehmbar, dass Isra­el nach vergeblicher Suche nach Verhandlungspartnern nunmehr einseitig alle Siedlun­gen in Gaza räumen und die Truppen abziehen werde. Dar­über hinaus könnten auch ei­nige Siedlungen im Nordwes­ten der Westbank in den sog. Disengagement-Plan eingebun­den werden. 3 Zudem stellte er 2 Die Herzliya-Konferenz wird jähr­lich von der privaten Elite-Hoch­schule Interdisciplinary Center Herzliya ausgerichtet und seit kur­zem auch von der FES mitgestaltet. Sie gilt als bedeutendstes innen- und sicherheitspolitisches Ereignis der israelischen Führungseliten. Scha­ron hat sich zur Gewohnheit ge­macht, wichtige politische Grund­satzentscheidungen zunächst diesem privaten Zirkel mitzuteilen, was unter Knesset-Abgeordneten zu hef­tiger Kritik führte. 3 Zur Bandbreite möglicher Inter­pretationen des von Scharon vorge­schlagenen einseitigen Abzugs (Disengagement) vgl. eine Serie von Kommentaren in den Tageszei­tungen Maariv und Haaretz im Feb ­ruar und März 2004. 1