Internationale Politikanalyse Europäische Politik, April 2005 Michael Dauderstädt* Der erweiterte europäische Spagat: Gemeinsamer Markt und sozialer Zusammenhalt Z war betont der Wortlaut der EU-Verträge, einschließlich des Verfassungsvertrags, die Ziele des sozialen Zusammenhalts; zwar ist soziale Inklusion ein Bestandteil der Lissabonstrategie der EU, aber die Realität der Integration besteht vor allem im gemeinsamen Markt und das Oberziel der Lissabonstrategie ist Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung in der Hoffnung, dass damit die Ressourcen für eine Politik des sozialen Zusammenhalts schon entstehen würden. Aber produziert das Integrationsmodell in seiner gegenwärtigen Form nicht mehr Probleme als es sozialpolitisch bewältigen kann? ∗ Mit der Erweiterung ist es in der EU noch wichtiger und schwieriger geworden, einen gemeinsamen Markt mit sozialem Zusammenhalt zu verbinden. In der neuen europäischen Wirtschaft konkurrieren Menschen und Unternehmen miteinander, deren Unterschiede im Vergleich zur ebenfalls keineswegs homogenen alten EU-15 noch viel stärker ausfallen, was Einkommen, Produktivität und gesellschaftlichpolitische Einbettung betrifft. Diese wachsende Diversität birgt sicher auch Chancen, aber es bedarf starker gemeinsamer Politiken, um sie wahrzunehmen und die eher deutlicheren Risiken zu kontrollieren. Die Auswirkung ökonomischer Integration auf den sozialen Zusammenhalt Seit Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft(EWG) hat sich der Handel der EU-Mitgliedstaaten, vor allem untereinander, enorm ausgeweitet. Der Vergleich mit den USA und Japan sowie der höhere Zuwachs im EU-internen Güterhandel im Vergleich zum externen legen nahe, dass die Integration, d.h. die Schaffung des Gemeinsamen Marktes durch den Abbau der Handelsschranken wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatte(vgl. Tabelle 1). Im Ergebnis ist heute eine große Zahl aller Ein∗ Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn kommen und Arbeitsplätze in den Mitgliedstaaten vom Außenhandel abhängig. Hat dieser gemeinsame Markt den sozialen Zusammenhalt in Europa gefördert? Unter„sozialem Zusammenhalt“ sei hier verstanden, dass ein hoher Wohlstand für alle gesichert wird, also Wachstum und Verteilungsgerechtigkeit sowohl zwischen Regionen wie zwischen sozialen Klassen. Die Ergebnisse sind durchwachsen. Der Wohlstand nahm sicherlich insofern zu, als das Bruttoinlandsprodukt(BIP) seit 1957 gewaltig gewachsen ist. Aber es ist keineswegs so, dass dieser Effekt besonders ausgeprägt war. Andere Länder(z.B. EFTA-Länder, USA oder Japan mit Ausnahme der 1990er Jahre) wiesen höhere Wachstumsraten auf. Außerdem gingen die Wachstumsraten trotz vertiefter Integration(nach dem Abbau der Zölle folgte das Binnenmarktprojekt und die Währungsunion) immer weiter zurück. Noch schlechter sieht es aus, wenn man soziale Indikatoren einbezieht, denn Arbeitslosigkeit und Ungleichheit haben mit den Jahren und dem Integrationsfortschritt tendenziell zugenommen(s. Tabelle 2). Die regionale Ungleichheit konnte auch nicht reduziert werden. Die Parallelität der beiden Prozesse muss nun keine Kausalität begründen. Wie immer in den Sozialwissenschaften ist ein Kausalzusammenhang schwer zu belegen. Aber die ökonomische Theorie bietet eine Reihe von plausiblen Wirkungsketten, die den beobachteten Zusammenhang erklären können. Einige dieser Prozesse seien im Folgenden kurz umrissen: 1. Der produktive Ricardoprozess(s. auch Kasten „Von Webern und Winzern“): Wirtschaftliche Integration im Sinne von Handelsliberalisierung verspricht allen Beteiligten Wohlfahrtsgewinne, die aus der Spezialisierung auf die jeweils produktiveren Tätigkeiten(komparative Vorteile) entspringen. Dieses Versprechen war immer schon übertrieben, da der notwendige Strukturwandel in der Regel nicht leicht und kostenlos ist. Obendrein führt die gestiegene Gesamtproduktivität zu geringerer Beschäftigung, wenn die Gesamtnachfrage nicht entsprechend wächst. Schon dieses Grunddilemma könnte dazu beitragen, die empiri-
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Der erweiterte europäische Spagat : gemeinsamer Markt und sozialer Zusammenhalt
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