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Schon entschieden oder alles noch offen? : Die Stimmungslage in Israel vor den Wahlen zur 17. Knesset am 28. März 2006
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Schon entschieden oder alles noch offen? Die Stimmungslage in Israel vor den Wahlen zur 17. Knesset am 28. März 2006 Hermann Bünz, Micky Drill Der Wahlkampf für die 17. Knesset verläuft unerwartet ruhig. Rund ein Drittel der Wahlbe­rechtigten wollen laut Umfragen nicht wählen gehen. Angesichts der turbulenten innen- und au­ßenpolitischen Ereignisse der letzten Monate ist die desinteressierte Stimmung erstaunlich. Allen Umfragen zufolge führt die neue Sammelpartei Kadima mit rund 36 Sitzen mit großem Abstand vor Likud und der Arbeitspartei. Sie präsentiert sich als eine Partei der Mitte, ein wahres Sammelbecken, das es sogar erbitterten ehemaligen politischen Rivalen ermöglicht, gemeinsam für eine bessere Zukunft Israels zu arbeiten.´ Zum allgemeinen Eindruck, die Wahlen seien ohnehin schon entschieden, tragen besonders die Medien bei. Sie geben Olmert einen riesigen Vertrauensvorsprung und betrachten ihn bereits als den legitimen Nachfolger von Ariel Scharon. Nach Abschluss der letzten Wahlkampfveranstaltungen aller Parteien und nachdem die vorletzten Meinungsumfragen veröffentlicht wurden, zeigt sich jedoch, dass die Wahl wohl doch noch nicht ganz entschieden ist: Von den 120 Knesset-Sitzen gelten noch bis zu 26 Sitze als offen. Untypischer Wahlkampf... Am 28. März 2006 sind rund 5 Millionen Bürgerinnen und Bürger in Israel aufgeru­fen, ihr Parlament die Knesset neu zu wählen. Wer Israel und die politische Dis­kussion vor Ort kennt, der kennt auch die besondere Aufregung, überhitzten Emoti­onen und den unübersehbaren Einsatz der Menschen für ihre Partei und ihr politi­sches Lager in den Wochen vor Wahlen. So war es zumindest in der Vergangen­heit. Doch diesmal ist alles anders: Der Wahlkampf verläuft unerwartet ruhig, auf den ersten Blick geradezu ereignislos. Wahlplakate sind spärlich, Wahlveranstal­tungen auffällig rar und farblos, die Ein­schaltquoten bei Wahlspots so gering wie nie zuvor. Es herrscht allgemeines Desinte­resse an den Wahlen. Laut Umfragen wol­len rund ein Drittel der Wahlberechtigten ihr Recht nicht wahrnehmen und zu Hau­se bleiben. Und das in einem Land mit in der Regel hoher Wahlbeteiligung. ...trotz ereignisreicher Zeiten Die vorherrschende apathische Atmosphä­re ist um so erstaunlicher, wenn man sich die innen- und geopolitischen Entwick­lungen der vergangenen Monate noch einmal vor Augen hält: Der einseitige Rückzug aus dem Gazastreifen und der nördlichen Westbank wurde trotz massi­ver logistischer Herausforderungen und inner-israelischen Protesten erfolgreich durchgeführt. Die bis dahin staatstragen­de Regierungspartei Likud spaltete sich und Ministerpräsident Ariel Scharon grün­dete mit Kadima eine neue"Partei der Mitte", die ganz auf seine Person zuge­schnitten ist. Wenige Wochen später en-