Internationale Politikanalyse Europäische Politik, August 2006 Marius Busemeyer, Christian Kellermann, Alexander Petring, Andrej Stuchlik* Politische Positionen zum Europäischen Wirtschafts- und Sozialmodell – eine Landkarte der Interessen Einleitung Die Vertiefung der europäischen Integration hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Vielzahl supranationaler Strukturen und Organisationen geführt. Gleichzeitig stieg mit den Erweiterungsrunden auch der Grad der Heterogenität der Unionsmitglieder. Im Gebilde der EU-25 divergieren Volkswirtschaften nicht allein in ihrer Leistungsfähigkeit und Größe, sondern unterscheiden sich auch erheblich hinsichtlich ihrer Wirtschaftsverfassung, Organisationsformen oder Einkommensverteilung. * Für Parteien erhöhen sich damit auch die Anforderungen, einen europaweiten Konsens über Politikmaßnahmen herzustellen. Die folgende Untersuchung konzentriert sich auf die Positionen von Parteien, Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen zum Europäischen Wirtschafts- und Sozialmodell. Die Datengrundlage bildet eine eigens durchgeführte Erhebung, die insgesamt 50 Fragen, gruppiert nach drei thematischen Zusammenhängen beinhaltet: a) Wirtschaftspolitik, b) Sozialpolitik und c) Konkurrenz (Wettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten). Die Fragen wurden an über 100 Führungspersönlichkeiten aus Parteien, Gewerkschaften, Ministerien, Parlamenten und Arbeitgeberverbänden gestellt wurden. 1 Die Umfrage wurde in insgesamt 17 europäischen Ländern durchgeführt: Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowakei, Spanien, Tschechien und Ungarn. Zwei * M. Busemeyer: Universität Heidelberg C. Kellermann: Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn E-Mail: christian.kellermann@fes.de A. Petring: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung(WZB) A. Stuchlik: Andrássy-Universität, Budapest 1 Diese Studie baut auf einem Forschungsprojekt der FriedrichEbert-Stiftung auf. Der zugrundeliegende Fragebogen, die Länderauswertungen und der Datensatz sind auf der Internetseite der Friedrich-Ebert-Stiftung verfügbar: http://www.fes.de/internationalepolitik. Zur Entwicklung der Fragen und ökonomischen Diskussion des Europäischen Wirtschafts- und Sozialmodells, siehe Petring/Kellermann 2005. zentrale Fragen standen im Mittelpunkt des Forschungsprojektes und des vorliegenden Aufsatzes: 1) In welchen Bereichen lassen sich Übereinstimmungen/Divergenzen in den Positionen der Parteien und Organisationen finden? 2) Wodurch lassen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede erklären? Ausgehend von einer kurzen Eingrenzung des weiten Begriffs„Europäisches Wirtschafts- und Sozialmodell“ werden die Positionen der befragten Parteien und Organisationen hinsichtlich der Bewertung des gegenwärtigen Wirtschafts- und Sozialmodells und konkreter Reformvorschläge beschrieben und analysiert. Abschließend werden die Schlussfolgerungen in einem knappen Fazit zusammengefasst. Das Europäische Wirtschaftsund Sozialmodell Es ist strittig, ob von ÉáåÉã Europäischen Wirtschaftsund Sozialmodell gesprochen werden kann. Diese Debatte geht in der Regel von zwei unterschiedlichen Bezugspunkten aus: Befürworter betonen einen gesamtgesellschaftlichen sozialpolitischen Konsens, der in allen europäischen Ländern vorherrsche und die EU von den USA unterscheidet. Skeptiker sehen in den zahlreichen nationalstaatlichen Varianten der Sozialmodelle hingegen den Gegenbeweis für ein gemeinsames Modell. Die Delegation sozialstaatlicher Kompetenzen erfährt erfahrungsgemäß besonderen Widerstand, was sich auch in den vergleichsweise unterentwickelten sozialpolitischen Kompetenzen der Union widerspiegelt, die dennoch seit dem Sozialkapitel im Vertrag von Amsterdam schrittweise ausgeweitet worden sind. Zudem findet im Rahmen der offenen Methode der Koordinierung seit dem Jahr 2000 verstärkt sozialpoliti-
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Politische Positionen zum Europäischen Wirtschafts- und Sozialmodell : eine Landkarte der Interessen
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