Oktober 2006 Machtwechsel in Thailand: Das moralische Dilemma eines Putsches Vesna Rodi ć , FES Bangkok • Thailand hat eine lange Putschtradition. Seit 1932 gab es insgesamt 20 Staatsstreiche. Der Weg zur Demokratie war immer ein Stop-and-go-Verfahren. Die jüngste Krise um Premier Thaksin war nach Ansicht des Militärs und zahlreicher Thaksin-Gegner anders als durch einen Staatsstreich nicht mehr zu beenden. • Selbst äußerst kritische Akademiker bedauern zwar die Wahl der Problemlösungsmethode, sind aber überzeugt, dass der Staatsstreich mit bester Absicht stattgefunden hat. • Die politische Kultur des Landes hat sich in den kurzen Phasen der Demokratisierung nie so weit wandeln können, dass Dissens, Opposition und gewaltloser Protest als legitime Mittel politischer Willensbekundung den in anderen Demokratien etablierten Stellenwert erreichten. • Der Putsch hinterlässt Fragen, die noch niemand zu beantworten weiß. Zu hoffen ist, dass auf dieses Stop ein schnelles Go folgt und Thailand sowohl das„System Thaksin“ wie das Militär bald wieder hinter sich gelassen hat. Bangkok, 20. September 2006: Im größten Auditorium der Stadt spielte das Tübinger Kammerorchester mit großem Schwung und Professionalität, als sei nichts gewesen, doch der lange Applaus kam aus stark gelichteten Reihen. Nur die Hälfte der Kartenbesitzer hatte die nächtliche Ausgangssperre ignoriert und sich an bewaffneten Militärposten vorbei zum Konzert begeben. Thailands Militär hatte gerade wieder die Macht an sich gerissen, Verfassung, Parlament und Regierung abgeschafft sowie Kriegsrecht, Versammlungsverbot und Zensur verhängt. Das internationale Musikfest aber, so hatten die putschenden Generäle signalisiert, wollten sie nicht unterbrechen. Schließlich handele es sich bei dieser Menschenansammlung von mehr als fünf Personen um Kultur, nicht um Politik. Die an diesem ersten Tag nach dem Putsch offensichtlich gewordene Sympathie der Bangkoker für die neue Ordnungsmacht bekam durch die Charmeoffensive neuen Antrieb. Thailand hat eine lange Putschtradition. Seit 1932 gab es insgesamt 20 Staatsstreiche, diesen inbegriffen; der Weg zur Demokratie war immer ein Stop-and-go-Verfahren. Seit der letzten Machtübernahme der Militärs im Jahr 1991 allerdings, die 1992 durch einen blutigen Volksaufstand und eine Intervention des Königs beendet wurde, glaubte kaum jemand, dass die militärische Option wieder eine Rolle spielen müsste – bis auf die Generäle. Am 19. September entschlossen sie sich, die monatelange politische Krise um den umstrittenen Premier Thaksin Shinawatra zu beenden. General Sonthi Boonyaratglin, der Oberbefehlshaber der Bodenstreitkräfte und zuletzt mit Thaksin über die Frage der richtigen Sicherheitsstrategie im unruhigen Süden entzweit, postierte seine Truppen in Bangkok und übernahm die Kontrolle im Regierungsviertel. Bereits nach wenigen Stunden waren die Verhandlungen mit Thaksin-Unterstützern in Militär und Polizei erfolgreich verlaufen. Es zeichnete sich ab, dass der Coup, wie beabsichtigt, gewaltlos verlaufen würde. Die besetzten Fernsehstationen übertrugen patriotische Lieder mit Bildern aus dem Leben des Königs. Die anschließende Fahrt zur nächtlichen Audienz beim Monarchen sollte allen Thais deutlich signalisieren, dass es sich diesmal um einen Coup mit besten Absichten handelte. Denn vor Putschisten, die
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