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Avantgarde und Europäische Nachbarschaftspolitik : für ein Europa der konzentrischen Kreise
Entstehung
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Internationale Politikanalyse Europäische Politik, Oktober 2006 Winfried Veit* Avantgarde und Europäische Nachbarschaftspolitik Für ein Europa der konzentrischen Kreise Das doppelte französische und holländischeNein im Referendum über den europäischen Verfassungsent­wurf im Frühjahr 2005 hat Europa in eine tiefe Krise gestürzt. Die vom Europäischen Rat in Brüssel wenig später am 15./16. Juni 2005 verordnete Denkpause ist bisher weniger von Kreativität als von offensichtli­cher Lähmung gekennzeichnet; von vielen wird sie eher alsPause vom Denken bezeichnet. Wege aus der Krise sind bisher nicht erkennbar und vielfach tröstete man sich damit, dass es vor allem innere wirtschaftliche und soziale Probleme gewesen seien, die den Ausschlag für das negative Votum in beiden Ländern gegeben hatten. Doch mit einer solchen In­terpretation würde man es sich zu leicht machen: Sicherlich war es vielfach die Unzufriedenheit von Fran­zosen und Holländern mit ihren jeweiligen Regierun­gen, die eine Rolle gespielt hat, aber es war eben auch die von den Verfassungsgegnern in zum Teil unseriö­ser Weise geschürte Furcht vor einemunsozialen oderneoliberalen Europa, während in Holland die Migrations- und Integrationsproblematik sowie das Ge­fühl, zu den Verlierern der europäischen Integration zu gehören, mitentscheidend war. * An drei zentralen Punkten lässt sich das Unbehagen der Bürger europaweit nicht nur in Frankreich und in Holland festmachen: 1. Das europäische Wirtschafts- und Sozial­modell steht auf dem Prüfstand. Gibt es ein solchesModell überhaupt oder führt die Tat­sache, dass es(noch) nicht existiert, in das ver­zweifelte Klammern an überholte nationalstaat­liche Formen des wirtschaftlichen und sozialen Protektionismus, die aber angesichts der Globa­lisierung und der fortgeschrittenen europäi­schen Integration kaum noch wirksam sein können? 2. Die Demokratie ist im europäischen Kon­text noch Mangelware. Die Franzosen und * Friedrich-Ebert-Stiftung Paris Holländer haben vielleicht unbewusst auch der nichtdemokratischen, noch immer vorwie­gend intergouvernementalen Verfasstheit der Europäischen Union eine Absage erteilt. Die bit­tere Ironie daran ist, dass gerade der Verfas­sungsentwurf zu einem Mehr an Demokratie geführt hätte. 3. Die Grenzen Europas müssen klarer defi­niert werden. In Frankreich wie in den Nieder­landen hat die Frage eines türkischen Beitritts zur Europäischen Union eine Rolle in den Ab­stimmungsergebnissen gespielt. In Frankreich war es auch eine quasi nachträgliche Absage an die Osterweiterung von 2004, die in französi­schen Augen vor allem im Interesse Deutsch­lands und Englands lag. Diese drei Problembereiche bilden auch den Kern der nach dem vorläufigen Scheitern der europäischen Ver­fassung mit neuer Wucht entbrannten Debatte um die Gestalt des zukünftigen Europa, wobei zwei idealtypi­sche Modelle zur Diskussion stehen: das Modell einer riesigen Friedens- und Freihandels­zone mit überwiegend intergouvernementalen(das heißt undemokratischen) Entscheidungsmechanis­men und im Prinzip offen für alle Länder, die sich zu denKopenhagen-Kriterien bekennen(angel­sächsisches oderatlantisches Modell); das Modell eines politisch integrierten Kerneuropas mit demokratisch verfassten gemeinschaftlichen In­stitutionen, einer harmonisierten Finanz- und Haus­haltspolitik sowie klar definierten Grenzen(rheini­sches oderkontinentales Modell). Das angelsächsische Modell beschreibt mehr oder we­niger den Ist-Zustand der Europäischen Union, und falls die vorgesehenen oder in Aussicht gestellten Er­weiterungen(Bulgarien, Rumänien, Türkei, Kroatien, westlicher Balkan) vonstatten gehen, ohne dass vorher eine tiefgreifende institutionelle Reform(Vertiefung) erfolgt, wird sich dieses Modell verfestigen. Deshalb ist es keine Überraschung, dass zu den eifrigsten Verfech-