1.3 Anfrage an die Begabungsforschung und Herausforderung für die Begabtenförderung Christian Fischer Internationales Centrum für Begabungsforschung(ICBF), Münster 1. Einleitung Die Frage der Zukunftsfähigkeit des deutschen Schulsystems ist eine gesellschaftliche Problemstellung, die angesichts der Lernresultate deutscher Schüler im internationalen Vergleich, wie sie etwa durch die TIMSS-Studie(Baumert& Bos& Lehmann, 2000) aber auch in der PISAStudie(Baumert et al, 2001) belegt wurden, zunehmend an Bedeutung gewinnt. Im Hinblick auf die spezielle Situation besonders begabter Kinder in der Schule, beschäftigt sich verstärkt auch die Begabungsforschung mit dieser Frage insbesondere in bezug auf eine angemessene schulische Begabtenförderung. Ausgangspunkt hierfür ist nicht zuletzt die oftmals festgestellte Differenz zwischen Hochbegabung und Hochleistung vor allem bei begabten Underachievern, d.h. Kindern mit negativen Diskrepanzen zwischen ihren kognitiven Begabungen und den schulischen Leistungen (Rost, 2000). Der Anteil dieser Kinder wird von verschiedenen Studien auf 15% bis 50% geschätzt. Dabei werden für diese Diskrepanzen u.a. auch schulische Faktoren verantwortlich gemacht. Diese Differenzen führen häufig zu der Forderung, adäquate Lehr-Lernbedingungen für besonders begabte Schüler innerhalb eines begabungsfördernden Unterrichts zu schaffen. Diese Feststellung ist nicht neu, wie der deutsche Psychologe Stern bereits im Jahre 1916(S. 110) schrieb, dass„Begabungen(...) immer Möglichkeiten zur Leistung(sind), unumgängliche Vorbedingungen, sie(...) jedoch nicht Leistung selbst(bedeuten).“ Zugleich forderte Stern (1916, S. 109), dass für die 2% Höchstbegabten und die 10% Hochbegabten in den Volksschulen„erweiterte Ausbildungsgelegenheiten“ geschaffen werden müssen. So stellt Mönks auf der Fachtagung des Forum Bildung im März 2001(S. 326) fest, dass„bei einer jährlichen Geburtenrate von etwa 800.000 Kinder in Deutschland(...) jedes Jahr 80.000 Kinder geboren werden, die mehr Leistung erbringen könnten und zufriedener in der Schule wären, wenn das Unterrichtsprogramm auch für überdurchschnittlich Lernende geeignet wäre.“ Auch wenn das deutsche Schulsystem bereits(erste) Ansätze einer Begabtenförderung(Holling& Vock& Preckel, 2001) realisiert, so darf nicht zuletzt aufgrund der Ergebnisse der aktuellen Studien bezweifelt werden, dass die Förderbedürfnisse der Gruppe der hochbegabten Kinder in der Schule hinreichend Berücksichtigung finden. 2. Erkenntnisse aus der Begabungsforschung Die Bedeutung der schulischen Begabtenförderung wird in den aktuellen Hochbegabungsmodellen hervorgehoben, vor allem in Bezug auf die Transformation von Hochbegabung (d.h. Kompetenz) in Hochleistung(d.h. Performanz). Die Modelle heben diejenigen Faktoren hervor, die für die Umsetzung von Begabung in Leistung bedeutsam sind und benennen damit nicht nur Voraussetzungen von Hochleistungen, sondern erklären auch Ursachen von Minderleistungen. Im"Münchener Hochbegabungsmodell" von Heller(2000, S. 24) werden diese Faktoren als Moderatoren bezeichnet, während diese im"Differenzierten Begabungsund Talentmodell" von Gagné(2000, S. 69) als Katalysatoren ausgewiesen sind. Bei diesen Moderatoren bzw. Katalysatoren wird in beiden Modellen zwischen im Kind liegenden Faktoren und von der Umwelt ausgehenden
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Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb : Berliner Forum Wissenschaft und Innovation ; Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 12. Dezember 2001
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