1.4 Wie zukunftsfähig ist das deutsche Schulsystem? Klaus Klemm Universität Gesamthochschule Essen 1. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird Deutschland mit einem bitteren Befund konfrontiert. PISA, die groß angelegte internationale Vergleichsstudie, bescheinigt den Schulen des Landes, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Schulpflichtjahre schlechter als die überwiegende Mehrheit aller Länder auf ihr Leben als Erwerbstätige ebenso wie als Bürgerinnern und Bürger vorbereitet. Angesichts der deprimierenden Diagnose ist ein Blick zurück, weit zurück, reizvoll- nicht zuletzt auch deshalb, weil er auf ein Kontrastbild fällt: Zu Beginn des abgelaufenen Jahrhunderts galt das deutsche Bildungssystem – seine Schulen, sein Duales System der Berufsbildung, seine Universitäten- den nationalen ebenso wie den internationalen Beobachtern als vorbildlich. Deutschland verfügte damals über eines der leistungsfähigsten Bildungssysteme. Das war das Ergebnis von Weichenstellungen, die z. T. schon vor und z.T. nach dem ersten Weltkrieg vorgenommen worden waren. Dabei ragen die folgenden Elemente heraus: • Die Schulpflicht, seit dem 18. Jahrhundert immer wieder verkündet, war am Ende des 19. Jahrhunderts auch tatsächlich durchgesetzt, ihre Verankerung auch für die Jahre der beruflichen Bildung in der Weimarer Verfassung war wegweisend. • Die gymnasiale Bildung war curricular modernisiert: Der ‚Allerhöchste Erlaß‘ von 1900 hatte neben das bis dahin allein abiturführende Altsprachliche Gymnasium die von nun an naturwissenschaftlich bzw. neusprachlich geprägten Jungengymnasien gestellt. Mädchen konnten in Deutschland in den Lyzeen ein Abitur erlangen und damit ein Hochschulstudium aufnehmen. • Deutschlands Universitäten waren mit ihrer grundsätzlichen Verbindung von Forschen und Lehren, die Humboldt ihnen in die Wiege gelegt hatte, Innovationsmotoren. Sie waren es auch, weil es ein angemessenes Verhältnis zwischen der Zahl der Studierenden und der Anzahl von Lehrenden sowie der Ausstattung der Hochschulen gab. • Artikel 146 der Weimarer Verfassung und das 1920 folgende ‚Grundschulgesetz‘ schufen mit der Grundschule als Volksschulunterstufe die vierjährige gemeinsame Erziehung aller Kinder und damit den Einstieg in eine Schulstruktur, für die nicht länger das Stände-, sondern von stund an das Leistungsprinzip gültig war. Dies alles war durch ein international beachtliches Niveau der Bildungsausgaben unterfüttert: 1880 brachte Deutschland 1,6% seines Bruttosozialprodukts für Bildung auf. Der Vergleichswert lag in den USA bei 1,1%, in Großbritannien und Frankreich bei je 0,9%. Noch 1930 war Deutschland – trotz des verlorenen Krieges und trotz der ökonomischen Krise im Land – immer noch Spitzenreiter: Das Land brachte 4,1% seines Sozialproduktes für Bildung auf; die Vergleichswerte in den USA und in Großbritannien lagen bei nur 2,8%(Maier 1994, S. 46). 2. So wie Deutschland mit einem hoch entwickelten und international leistungsfähigen Bildungssystem in das 20. Jahrhundert ging, so startet es jetzt – die PISA-Untersuchung belegt dies noch eindringlicher als einige Jahre zuvor die TIMSS-Studien- in das 21. Jahrhundert mit einem Bildungssystem, das – zumindest was seinen schulischen Teil angeht – rückständig
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Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb : Berliner Forum Wissenschaft und Innovation ; Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 12. Dezember 2001
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