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Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb : Berliner Forum Wissenschaft und Innovation ; Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 12. Dezember 2001
Entstehung
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1.4 Wie zukunftsfähig ist das deutsche Schulsystem? Klaus Klemm Universität Gesamthochschule Essen 1. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird Deutsch­land mit einem bitteren Befund konfrontiert. PISA, die groß angelegte internationale Ver­gleichsstudie, bescheinigt den Schulen des Landes, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Schulpflichtjahre schlechter als die überwiegende Mehrheit aller Länder auf ihr Leben als Erwerbstätige ebenso wie als Bürger­innern und Bürger vorbereitet. Angesichts der deprimierenden Diagnose ist ein Blick zurück, weit zurück, reizvoll- nicht zuletzt auch deshalb, weil er auf ein Kontrast­bild fällt: Zu Beginn des abgelaufenen Jahrhun­derts galt das deutsche Bildungssystem seine Schulen, sein Duales System der Berufsbildung, seine Universitäten- den nationalen ebenso wie den internationalen Beobachtern als vorbildlich. Deutschland verfügte damals über eines der leistungsfähigsten Bildungssysteme. Das war das Ergebnis von Weichenstellungen, die z. T. schon vor und z.T. nach dem ersten Weltkrieg vorgenommen worden waren. Dabei ragen die folgenden Elemente heraus: Die Schulpflicht, seit dem 18. Jahrhundert immer wieder verkündet, war am Ende des 19. Jahrhunderts auch tatsächlich durchge­setzt, ihre Verankerung auch für die Jahre der beruflichen Bildung in der Weimarer Verfassung war wegweisend. Die gymnasiale Bildung war curricular modernisiert: Der ‚Allerhöchste Erlaß von 1900 hatte neben das bis dahin allein abitur­führende Altsprachliche Gymnasium die von nun an naturwissenschaftlich bzw. neusprachlich geprägten Jungengymnasien gestellt. Mädchen konnten in Deutschland in den Lyzeen ein Abitur erlangen und da­mit ein Hochschulstudium aufnehmen. Deutschlands Universitäten waren mit ihrer grundsätzlichen Verbindung von For­schen und Lehren, die Humboldt ihnen in die Wiege gelegt hatte, Innovationsmoto­ren. Sie waren es auch, weil es ein ange­messenes Verhältnis zwischen der Zahl der Studierenden und der Anzahl von Lehren­den sowie der Ausstattung der Hochschu­len gab. Artikel 146 der Weimarer Verfassung und das 1920 folgende ‚Grundschulgesetz schu­fen mit der Grundschule als Volksschulun­terstufe die vierjährige gemeinsame Erzie­hung aller Kinder und damit den Einstieg in eine Schulstruktur, für die nicht länger das Stände-, sondern von stund an das Leistungsprinzip gültig war. Dies alles war durch ein international beachtli­ches Niveau der Bildungsausgaben unterfüt­tert: 1880 brachte Deutschland 1,6% seines Brut­tosozialprodukts für Bildung auf. Der Ver­gleichswert lag in den USA bei 1,1%, in Groß­britannien und Frankreich bei je 0,9%. Noch 1930 war Deutschland trotz des verlorenen Krieges und trotz der ökonomischen Krise im Land immer noch Spitzenreiter: Das Land brachte 4,1% seines Sozialproduktes für Bil­dung auf; die Vergleichswerte in den USA und in Großbritannien lagen bei nur 2,8%(Maier 1994, S. 46). 2. So wie Deutschland mit einem hoch entwickel­ten und international leistungsfähigen Bil­dungssystem in das 20. Jahrhundert ging, so startet es jetzt die PISA-Untersuchung belegt dies noch eindringlicher als einige Jahre zuvor die TIMSS-Studien- in das 21. Jahrhundert mit einem Bildungssystem, das zumindest was seinen schulischen Teil angeht rückständig