Berliner Forum Wissenschaft und Innovation rungen zwingen uns, lebenslänglich zu lernen, wenn wir individuell, regional und national konkurrenzfähig bleiben wollen. 3. Nach der neoliberalen Individualisierungsvariante, sind staatliche Curricula zu schwerfällig und angebotsorientierte Bildungseinrichtungen zu inflexibel. Nach dieser Vorstellung weiß das Individuum am besten, was es an Bildung für seine eigene Karriere braucht. Aus diesem Grunde wird von dieser Sichtweise die Selbstverantwortlichkeit, die Selbststeuerungskompetenz der Individuen stark betont. Aus diesem Lager werden auch Bildungsgutscheine etc. vehement gefordert. 4. Die humanistische Variante will insbesondere den bildungsfernen und bildungsbenachteiligten Schichten über ein offeneres Bildungssystem bessere Zugänge zum Lernen ermöglichen, womit sich auch die Sozialchancen der Betroffenen verbessern und brachliegende Humanressourcen aktiviert werden. Diese vier Sichtweisen haben allerdings keine gleichen Verwirklichungschancen. Die Variante 1. sollte allmählich verschwinden, weil sie ein Missverständnis des Konzeptes LLL bedeutet. Die Variante 2. vom ‚lebenslänglichen’ Lernen ist begrifflich und inhaltlich kritisch vom Autor Geißler in die Debatte gebracht worden. Sie ist in ihrer Ausschließlichkeit etwas zu pointiert. Weder einem Lerner nützen heftige Lernzwänge auf die Dauer, noch erweist sich eine Bildung, die allein auf den aktuellen Bedarf ausgerichtet ist, als zukunftssicher. Die neoliberale Variante 3. hat eigentlich im Kontext des Siegeszuges liberaler, marktwirtschaftlicher Lösungskonzepte gute Chancen, sich wesentlich durchzusetzen. Aber das scheint wegen einer Allianz aus Wertkonservatismus, gestandenen Sozialdemokraten und nicht zuletzt aus Kultusbürokratien nicht zu funktionieren. Der eine glaubt z.B. immer noch, in einem Zentralabitur den SchülerInnen vorschreiben zu können, was sie wissen sollen, die anderen halten die öffentliche Verantwortung in der Bildung hoch und letztere stehen den Schulen und Bildungseinrichtungen so nahe, dass sie nicht das Wasser der staatlichen Förderung abgraben können. Schließlich hat die Variante 4. es schwer, große Mehrheiten zu finden, weil die Unterstützung der Lernbenachteiligten ein mühsamer und auch nicht billiger Weg zur Verbesserung ihrer 58 Lebenschancen ist, zumal die Bildungsbedarfsdefizite heute mehr im hochqualifizierten als im basisqualifizierten Bereich zu liegen scheinen. Auf Sonntagsreden und wissenschaftlichen Kongressen wird uns also auch zukünftig eine Mixtur mit Schwerpunkten in den Varianten 2. und 3. an LLL-Interpretation entgegenkommen. Zur Veränderung der Bildungssäulen In der Theorie des lebenslangen Lernens wird in den letzten Jahren massiv vom Wandel der Lernkulturen und vom Wandel des Bildungsverständnisses der Einrichtungen und Lehrenden gesprochen. Nimmt man das alles für bare Münze, dann müsste heute von der Vorschulerziehung bis zur Seniorenbildung(die freilich in generationsübergreifenden Angebotsformen integriert sein sollten) ein gewaltiger Wandel im Rollenverständnis und damit auch in der Bildungsplanung der Lernenden im Anzug sein. Wenn ein Gymnasiallehrer echte Lernbegleitung betreiben würde und sich ein Gymnasiast z.B. für einen Kontrakt für eine Chemieleistungsarbeit mit dem benachbarten Pharmakonzern entscheiden könnte, wären Wege eröffnet, die quer zu den klassischen Bildungssäulen stehen. Im Prinzip ist mit LLL eine revolutionäre Veränderung der Lernbiografien prognostiziert, die sich durch vertikale und horizontale Übergangsmöglichkeiten im Weiterbildungssystem auszeichnen sollte. In der Praxis sind wir davon noch weit entfernt. Damit die wissenschaftlich erwiesenen hohen Lernfähigkeiten im Kindesalter nicht verschüttet, sondern für eine lebenslange Neugierde und Offenheit am Lernen gefördert werden, bedürfte es einer Veränderung der Erzieherinnenausbildung, die – wie in anderen europäischen Ländern schon üblich – eine Hochschulqualifizierung und eine entsprechend höhere Bezahlung dafür bräuchten. An der Schulfront wird partiell emsig gebastelt. Jeder neue Kultusminister übt sich in neuen Reformwellen. Für Außenstehende wird aber nicht ganz deutlich, ob damit den neuen Anforderungen an eine strukturelle Einstellung auf LLL bzw. auf Lernübergänge und Systemoffenheit genügend gerecht wird. In der Berufsausbildung ist noch am ehesten eine Verzahnung zur Hochschulund Weiterbildung zu erkennen, hier erschweren mangelnde Transparenz und mangelnde Passungsmöglichkeit(z.B. Modularisierung) einfache Bereichsübergänge. In den Hochschu-
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Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb : Berliner Forum Wissenschaft und Innovation ; Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 12. Dezember 2001
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