3.2 Lebenslängliche Dequalifikation Helmut Fritsch, Zentrales Institut für Fernstudienforschung Hagen Wissen veraltet schneller als Menschen. So wie die pharmazeutische Industrie alternden Menschen hilft- oder dies nur vorgibt-, so ist eine knowledge management-Industrie entstanden, die der Gesellschaft helfen will- oder zu helfen vorgibt- mit den immer neuen Situationen weltweit verfügbaren Wissens und neuer Qualifikationen fertig zu werden. So wie in der pharmazeutischen Industrie Gewinne mit Medikamenten und ihrem Vertrieb gemacht werden, werden Gewinne mit der optimierten Verwaltung von Wissen und seinem Vertrieb gemacht. Ich habe manchmal, wenn ich früher gefordert habe, dass Wissen jedem und überall frei zugänglich sein sollte, das Gefühl, nicht auf der Höhe der Zeit zu argumentieren. Heute ist alles vermeintlich jederzeit käuflich verfügbar. Das Konzept des copyleft, vor zehn Jahren für das WWW noch recht aktuell, wird sich immer weiter wegbewegen von der Realität. Natürlich gibt es Autorenrechte, natürlich schützt man diese, aber wenn streng genommen schon der Verweis auf Quellen andernorts im Netz urheberrechtlich bedenklich ist, wie soll dann Wissen noch frei zugänglich sein? Etwas noch nicht zu„können“ was alle Welt schon kann, vermittelt einem das Gefühl, nicht„mitreden“ zu können. Nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, neue Fertigkeiten nicht beherrschen zu können, diese Probleme sollen den Ausgangspunkt folgender Thesen darstellen. Thesen 1. Es wird gesellschaftlich mehr Geld für den Erwerb neuer Software-Qualifikationen ausgegeben als im jeweiligen Vermögenshaushalt der Betriebe und Institutionen an Hardware-Kosten auftaucht. 2. Die Lebensdauer solcher neuer Qualifikationen verkürzt sich und früher erworbene Qualifikationen werden obsolet, Neuausstattung mit Geräten erfordert ihrerseits wieder neue Qualifikationen. 3. Der nächste Schritt wird eine Kostenspirale auslösen, die Weiterbildung nur noch nach individualisierten Gebührensätzen zulässt. 4. Der Ausbau von virtuellen Hochschulen für die Weiterbildung scheitert am Problem der Kompatibilität der Systeme und ihrer curricularen Elemente: Es gibt mehr„Standardisierungs- und Harmonisierungsprojekte“ in Europa, als bereits fertig vorliegende, transportfähige Software-Produkte. 5. Die Zahl der käuflich erwerbbaren„Plattformen“ oder„Portale für virtuelle Kursangebote“ wächst schneller als die Zahl der darin bereitgestellten Kurse Limitierende Faktoren im Fernstudium der Fern-Universität Flaschenhälse allgemein Nach der ersten Euphorie über die Möglichkeiten des Fernstudiums kam das Fernstudium an der Fern-Universität in eine systematische Krise. Man stellte fest, dass lediglich ein Teil der Funktionen einer Hochschule massenhaft vervielfältigt werden kann- nämlich instruktive Texte- und dass man für die anderen Funktionen wie Betreuung von Einsendearbeiten, Studienberatung und insbesondere für notwendig erachtete Seminare und Prüfungen gleichviel Personal braucht wie an normalen Hochschulen. Die Hochschulpolitik hatte sich von der Idee des Fernstudiums eigentlich mehr Absolventen versprochen. Schon nach wenigen Jahren musste die Fern-Universität immer wieder darauf hinweisen, dass die Vervielfältigung von Studienbriefen nicht automatisch zu mehr Absol-
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Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb : Berliner Forum Wissenschaft und Innovation ; Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 12. Dezember 2001
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