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Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb : Berliner Forum Wissenschaft und Innovation ; Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 12. Dezember 2001
Entstehung
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3.2 Lebenslängliche Dequalifikation Helmut Fritsch, Zentrales Institut für Fernstudienforschung Hagen Wissen veraltet schneller als Menschen. So wie die pharmazeutische Industrie alternden Men­schen hilft- oder dies nur vorgibt-, so ist eine knowledge management-Industrie entstanden, die der Gesellschaft helfen will- oder zu helfen vorgibt- mit den immer neuen Situationen weltweit verfügbaren Wissens und neuer Qua­lifikationen fertig zu werden. So wie in der pharmazeutischen Industrie Gewinne mit Me­dikamenten und ihrem Vertrieb gemacht wer­den, werden Gewinne mit der optimierten Verwaltung von Wissen und seinem Vertrieb gemacht. Ich habe manchmal, wenn ich früher gefordert habe, dass Wissen jedem und überall frei zu­gänglich sein sollte, das Gefühl, nicht auf der Höhe der Zeit zu argumentieren. Heute ist alles vermeintlich jederzeit käuflich verfügbar. Das Konzept des copyleft, vor zehn Jahren für das WWW noch recht aktuell, wird sich immer weiter wegbewegen von der Realität. Natürlich gibt es Autorenrechte, natürlich schützt man diese, aber wenn streng genommen schon der Verweis auf Quellen andernorts im Netz urhe­berrechtlich bedenklich ist, wie soll dann Wis­sen noch frei zugänglich sein? Etwas noch nicht zukönnen was alle Welt schon kann, vermit­telt einem das Gefühl, nichtmitreden zu kön­nen. Nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, neue Fertigkeiten nicht beherrschen zu können, diese Probleme sollen den Ausgangspunkt folgender Thesen darstellen. Thesen 1. Es wird gesellschaftlich mehr Geld für den Erwerb neuer Software-Qualifikationen ausgegeben als im jeweiligen Vermögens­haushalt der Betriebe und Institutionen an Hardware-Kosten auftaucht. 2. Die Lebensdauer solcher neuer Qualifikati­onen verkürzt sich und früher erworbene Qualifikationen werden obsolet, Neuaus­stattung mit Geräten erfordert ihrerseits wieder neue Qualifikationen. 3. Der nächste Schritt wird eine Kostenspirale auslösen, die Weiterbildung nur noch nach individualisierten Gebührensätzen zulässt. 4. Der Ausbau von virtuellen Hochschulen für die Weiterbildung scheitert am Problem der Kompatibilität der Systeme und ihrer curricularen Elemente: Es gibt mehrStan­dardisierungs- und Harmonisierungspro­jekte in Europa, als bereits fertig vorlie­gende, transportfähige Software-Produkte. 5. Die Zahl der käuflich erwerbbarenPlatt­formen oderPortale für virtuelle Kurs­angebote wächst schneller als die Zahl der darin bereitgestellten Kurse Limitierende Faktoren im Fernstudi­um der Fern-Universität Flaschenhälse allgemein Nach der ersten Euphorie über die Möglichkei­ten des Fernstudiums kam das Fernstudium an der Fern-Universität in eine systematische Kri­se. Man stellte fest, dass lediglich ein Teil der Funktionen einer Hochschule massenhaft ver­vielfältigt werden kann- nämlich instruktive Texte- und dass man für die anderen Funktio­nen wie Betreuung von Einsendearbeiten, Stu­dienberatung und insbesondere für notwendig erachtete Seminare und Prüfungen gleichviel Personal braucht wie an normalen Hochschu­len. Die Hochschulpolitik hatte sich von der Idee des Fernstudiums eigentlich mehr Absolventen versprochen. Schon nach wenigen Jahren muss­te die Fern-Universität immer wieder darauf hinweisen, dass die Vervielfältigung von Stu­dienbriefen nicht automatisch zu mehr Absol-