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Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb : Berliner Forum Wissenschaft und Innovation ; Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 12. Dezember 2001
Entstehung
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4.2 Podiumsdiskussion Volker Hauff, BearingPoint GmbH: Herr Müller-Solger, wurde das Bundesministe­rium für Bildung und Forschung von den Er­gebnissen der PISA-Studie arg überrascht? Denn Sie denken ja seit vielen Jahren über sol­che internationalen Vergleiche nach. Hermann Müller-Solger, Bundesministerium für Bildung und Forschung(BMBF), Bonn: Überrascht hat uns das nicht, wie wir in dem Prozess der Erarbeitung dieser Studie involviert gewesen sind. Wir sind vom Bunde her sehr froh, dass eingetreten ist, was man die so ge­nannte empirische Wende nennt, und dass es nach der TIMSS-Studie jetzt diese PISA-Studie gegeben hat. Wir haben jetzt große Chancen aus den Erfahrungen der PISA-Studie zu ler­nen. Der Ländervergleich macht das Lernen über Grenzen hinweg möglich. Dabei müssen wir dazu kommen, auch zukünftig das Über­prüfen von Lehren und Lernen zu institutiona­lisieren. Nur so kommen wir dauerhaft voran. Volker Hauff, BearingPoint GmbH: Die Studie ist doch in großem Maße besorgnis­erregend. Hätte man nicht vorher auf den Tisch hauen müssen, wenn die Ergebnisse vor­her bekannt waren? Hermann Müller-Solger, BMBF: Das nicht, die Ergebnisse selbst konnten natür­lich vorher so nicht vorliegen. Die Studie als solche begrüßen wir ja. Ich denke, wir müssen jetzt, nachdem die Be­reitschaft zur empirischen Arbeit vorhanden ist, zu mehr Anwendung kommen. Das heißt alle diejenigen, die unmittelbare Verantwortung haben, also Lehrer, Schulleiter und die verant­wortlichen Politiker, müssen verstärkt Rechen­schaft über ihre Arbeit ablegen. Diese muss in einer dokumentierten und empirisch belegten Weise diskutierbar gemacht werden. Volker Hauff, BearingPoint GmbH: Frau Stange, Herr Schleicher sagt, dass wir das Verhältnis von öffentlich und privat bei den Bildungsausgaben zu Lasten der privaten Auf­wendungen neu ordnen müssen. Stimmen Sie dem zu? Eva-Maria Stange, GEW: Dem kann ich nicht zustimmen. Wenn ich wüsste, dass die Studiengebühren tatsächlich in die Kindergärten fließen würden, dann könnte man wenigstens darüber nachdenken. Aber das bezweifle ich bei unseren öffentlichen Haushal­ten. Wirklich gestört hat uns, dass viele der jetzt festgestellten Missstände bereits von uns the­matisiert worden sind. Wir haben gewusst, dass wir die Kindertagesstätten und die Grundschu­len in Deutschland stark vernachlässigen. Be­kannt war auch, dass ca. 10% der Schüler kei­nen Abschluss erreichen. Tatsächlich hat es keinen interessiert. Insofern sind wir froh, dass der politische Diskurs sich nun positiv geändert hat. Warnen müssen wir allerdings vor Bestre­bungen gewisse Themen zu tabuisieren. Ob­wohl die Studie eindeutig die Probleme des gegliederten deutschen Schulsystems aufge­deckt hat, sprechen einige bereits ein Diskussi­onsverbot über die Systemfragen aus. Dabei muss es einen aufmerken lassen, dass die Selek­tivität des Schulsystems auch die Pädagogik in der Schule beeinflusst und dass wir kaum eine Durchlässigkeit nach oben im Schulsystem haben. Von Chancengleichheit im Schulsystem kann also keine Rede sein. Insgesamt ist die Studie eine Riesenchance zur positiven Ent­wicklung- für mehr Chancengleichheit. Auch im Forum Bildung hatten wir schon viele Miss-