Juli 2007 direkt Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Vorsorgender Sozialstaat – Zukunft des Sozialstaates? Thilo Fehmel 1 Auf einen Blick Die sozialstaatliche Entwicklung hält mit der Entwicklung der Lebensbedingungen nicht Schritt. Das sozialpolitische Regelwerk verfestigt sich, während die Lebensläufe der auf soziale Sicherung angewiesenen Menschen immer unsteter und flexibler werden. Das Konzept des Vorsorgenden Sozialstaates sieht diese sich öffnende Schere, kann sie aber nicht schließen. Er bezieht sich weiter überwiegend auf die Erwerbstätigkeit und verfehlt so die Chance, den Sozialstaat normativ wie instrumentell zu erneuern und an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten. Eine diesbezüglich angemessene Sozialpolitik müsste die Fixierung auf Erwerbsarbeit überwinden, lebenslauforientiert und gegenüber den Lebensentwürfen der Menschen möglichst offen sein. Für eine kluge, koordinierte Gestaltung der Sozialpolitik sind regelmäßige, grundsätzliche Überlegungen zur Zukunft des Sozialstaates unerlässlich, die das Wechselspiel zwischen dem Wandel der Lebenswelt und der Sozialpolitik berücksichtigen 2 . Ohne solche, auf harten Daten und Fakten aufbauenden Debatten über Normen und Ziele zukünftiger Sozialpolitik bleiben instrumentelle Anpassungen und Reformen ziel- und damit zwangsläufig erfolglos. Lebensbedingungen im Wandel Das bestehende System der sozialen Sicherung bezieht sich weitgehend unverändert auf die Gesellschaftsverhältnisse einer Epoche, die als das„goldene Zeitalter des Wohlfahrtsstaates“ bekannt ist. Damals dominierte noch die männliche Normalbiografie mit einer Erwerbsphase unter den Bedingungen des Normalarbeitsverhältnisses. In der weiblichen Normalbiografie hatte eigenständige Erwerbsarbeit dagegen kaum Bedeutung; die materielle Absicherung der Frau erfolgte in der Regel aus dem Erwerbseinkommen und den Sicherungsansprüchen des Ehemannes. Seit den 80er Jahren lässt sich eine Aufweichung dieser Normalitätsannahmen und eine
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