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Fortschritt nachhaltig gestalten : Perspektiven einer Politik medizinischer Innovationen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien
Entstehung
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Internationale Politikanalyse 1 Zentrale Fragen und Herausforderungen des nachhal­tigen Fortschritts lassen sich an prekären medizini­schen Innovationen diskutieren. Prekär sind etwa Arz­neimittel, die wie die Cholesterin-Senker eine unbe­dachte Lebensführung korrigieren sollen und die schwere Krankheiten wie Alzheimer kurieren sollen. Sie stellen nicht nur Gesundung in Aussicht, sondern bergen Risiken in Form von nicht intendierten Neben­wirkungen in sich. Prekär in einem anderen Sinne ist die Medizin der Zukunft, die so genannte prädiktive Medizin. Sie wird in zunehmendem Maße zukünftige Krankheiten vorhersagen können, aber zugleich Ei­genverantwortung, Mitarbeit und Entscheidungen von Patienten verlangen und einen politischen Kom­munikationsprozess von neuer Qualität erfordern. Wie kann eine Politik medizinischer Innovationen mit solchen heiklen Gesundungs- und Heilungsver­sprechen umgehen? Was können wir von einer Ge­sundheitspolitik erwarten, die in europäischen Staaten wie Deutschland, Frankreich oder Großbritannien bis in die Gegenwart von Fragen des Geldes und des Ein­flusses bestimmt wird? Und was kann man von einer Gesundheitspolitik erwarten, die sich der Frage stellen muss, wie sie die Kostenentwicklung in den Griff be­kommen kann? Der Kampf der Interessen wird nicht verschwinden. Aber eine Gesundheitspolitik, die Inno­vationen fördert, könnte andere Akzente setzen. Der Skandal des Cholesterin-Senkers»Lipobay«, durch das im Jahr 2001 weltweit 52 Menschen star­ben, zeigte eines: Angeblich traf niemanden die Schuld, weder die Industrie noch die Ärzte und auch nicht die Konsumenten dieses Medikaments. Die Ver­antwortlichkeiten in der Gesundheitspolitik waren nicht klar. Und die Implikationen medizinischer Inno­vationen wurden nicht ausreichend thematisiert. Um diesen Missstand zu ändern, ist es hilfreich, auf einige Erfahrungen aus Frankreich und Großbritannien zu­rückzugreifen. Im Gegensatz zu Deutschland kennen Frankreich und Großbritannien keine Koordinierung gesellschaft­licher Interessen wie in der»konzertierten Aktion im Gesundheitswesen«. Aber es finden sich interes­sante Hinweise auf ganzeinheitliche Ansätze. Als es in Frankreich darum ging, wirksame Maßnahmen im Kampf gegen AIDS zu ergreifen, führte das franzö­sische Gesundheitsministerium eine aus drei Elemen­ten bestehende Versorgungskette das sogenannte »Tryptichon« ein. Es fügte die Glieder»Präven­tion«,»Solidarität« und»Zugang zur Pflege« zu einer Versorgungskette zusammen und hob die Trennung zwischen präventiver und kurativer Medizin, zwischen Kollektiv und Individuum und zwischen Stadt und Krankenhaus auf. Gleichzeitig ging durch das fran­zösische Gesundheitswesen ein»choc thérapique«, weil die Gesellschaft plötzlich verstand, dass die Un­gleichheiten im Gesundheitssystem nicht hinzuneh­men waren. An diesem Beispiel der gezielten Hilfe für die AIDS-Kranken lässt sich auch die Effektivität der »Planification« im französischen Gesundheitssystem erkennen. Der 6. und 7. Plan bezogen seit 1971 aus­drücklich die»fonction santé« ein und erlaubten, das Handeln der wichtigsten Akteure abzustimmen und die nötigen Ressourcen und Dienstleistungen zu er­mitteln, um die Planungsziele wie die Humanisierung der Krankenhäuser und eine bessere Ausbildung des Personals erreichbar zu machen. Interessanterweise treffen wir in Großbritannien mit»Connecting health« auf einen ähnlichen Lö­sungsansatz wie in Frankreich. Dort verwendete die New Labour Regierung seit Jahren erhebliche Ressour­cen auf die Reform des Gesundheitswesens(National Health Service, NHS). Das britische Gesundheitsminis­terium arbeitet an einem modernen, effizienten, an den Bedürfnissen der Patienten orientierten Gesund­heitsdienst.»Connecting health« will eine Gesund­heitsversorgung einführen, die das Pflegeangebot und die Wahlfreiheit der Patienten sowie ihre Kon­trolle über die Gesundheitsdienstleistungen vergrö­ßern soll. Der National Health Service folgt einem »holistischen«, d. h. ganzheitlichen Ansatz. Die Patienten werden in einer»Pflegekette« von der Krankheitsdiagnose bis zur Heilung begleitet. Diese Versorgungs- oder Angebotskette schneidet Gesund­heitsdienstleistungen besser auf die Interessen der Patienten zu. Wir können von unseren Nachbarn noch etwas anderes lernen als die Einführung solcher Ganzheit­lichkeit herstellenden Prozessketten. Lehrreich ist der in Großbritannien vorhandene gesundheitspoli­tische Pragmatismus. Der Blick auf die Geschichte der Tuberkulosebehandlung in Großbritannien zeigt eine stärkere Berücksichtung der Patientenwünsche als in Deutschland. Dort wurden Behandlung und Beratung nie voneinander getrennt. Anders in Deutschland, wo es einerseits sogenannte Fürsorgestellen für Tuberku­lose-Erkrankte gab und andererseits stationäre Thera­pien in den Heilstätten. Die präventiven Pflicht-Rönt­genuntersuchungen für die gesamte Bevölkerung, die es in Deutschland noch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab, fanden in Großbritannien nie statt. Statt Persönlichkeitsrechte dem Allgemeinwohl un­terzuordnen, wurde in Großbritannien verstärkt auf individuelle Krankheitsbilder eingegangen, um den Problemen der Patienten mit spezifischen Angebo­ten zu begegnen. Die Patientenwünsche wurden stärker berücksichtigt als in Deutschland, was auch eine schnellere Rückkehr in ihr normales Leben be­deutete. Klaus- W. West, Büroleiter des Vorsit­zenden der IG BCE. Der Text entstand im Zusammenhang eines Forschungsaufenthalts am Center for Euro­pean Studies der Har­vard University im Jahr 2007.