Focus on Germany London Office July 2009 Ein wirtschaftspolitischer Neustart Jenseits des Finanzkapitalismus „ Durch Deutschland muss ein Ruck gehen“, forderte 1997 der damalige Bundespräsident Herzog. Dieser Ruck geht zehn Jahre später nicht nur durch Deutschland, sondern durch die Welt –anders jedoch, als Roman Herzog ihn sich vorgestellt hat. Diejenigen, die 30 Jahre lang das Vertrauen in die Steuerungskraft der Märkte gepredigt und den schlanken Staat als den besten aller möglichen Staaten angehimmelt haben, glauben ruckartig nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes und rufen nach dem Staat als ihrem einzigen Retter. Friedhelm Hengsbach – einer der bekanntesten Sozialethiker in Deutschland – geht in diesem Artikel nicht nur den Ursachen der Finanzkrise auf den Grund, sondern schlägt auch Szenarien für die Zeit danach vor. Friedhelm Hengsbach* 1. Finanzexperten auf Fehlersuche „Die Banken haben Fehler gemacht, sicher“. So gestand Klaus-Peter Müller, der frühere Chef der Commerzbank in einem Interview. Den gleichen Satz hat er jedoch bereits vor fünf Jahren verlauten lassen. Welche Fehler das seien, hat er nicht gesagt. Allerdings sieht er die eigentliche Ursache der Krise im doppelten Staatsversagen. Alan Greenspan hätte nach der Spekulationsblase der 90er Jahre nicht eine derart lockere Geldpolitik betreiben sollen. Und die Bush-Regierung hätte die Lehmann-Brothers Bank nicht fallen lassen dürfen. Ohne den Zusammenbruch dieser Bank hätte die Commerzbank gute Zahlen geschrieben. „Ich kann das Wort Gier schon bald nicht mehr hören“. Dieser Satz stammt von Hilmar Kopper. Falls er damit ausdrücken will, dass eine Erklärung der Finanzkrise durch individuelles Fehlverhalten selbst fehlerhaft sei, ist ihm zuzustimmen. Denn die moralische Empörung einer Bevölkerung, die durch Schimpfkanonaden der Politiker aufgewühlt ist, oder das Anprangern einzelner Akteure sind ebenso fehlgeleitet wie die Fixierung der öffentlichen Debatte auf die Bonuszahlungen von Finanzmanagern, die ihre Institute vor die Wand gefahren haben. *Friedhelm Hengsbach ist ein deutscher Jesuit und emeritierter Professor an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Finanzexperten lenken den Blick zu Recht auf die fehlerhafte Einschätzung jener Risiken, die sich mit den innovativen FinanzdienstleistunFriedrich-Ebert-Stiftung London Office 66 Great Russell Street London WC1B 3BN Phone+44(0)20 7025 0990 Fax+44(0)20 7242 9973 e-mail website info@feslondon.org.uk www.feslondon.org.uk
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