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Kohäsion mit Defiziten : das europäische Wachstumsmodell in der Krise
Entstehung
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November 2009 direkt Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Kohäsion mit Defiziten Das europäische Wachstumsmodell in der Krise Michael Dauderstädt 1 Auf einen Blick In den letzten Jahren ist Europa zusammengewachsen dank stärkerem Wachstum in den ärmeren Ländern der Peripherie. Doch dieser Kohäsionserfolg wurde vor allem mit Schulden und Handelsbilanzdefiziten erkauft. Die Finanzmarktkrise ließ dieses Wachstumsmodell zusammen­brechen. Nachhaltige Kohäsion braucht eine solide Finanzierung, die weniger unbeständigen und kurzsichtigen Marktstimmungen unterliegt, sondern politisch reguliert werden muss. Seit Ende der 1990er Jahre ging die Aufholjagd in Europa voran. Länder wie Rumänien, Bulgarien oder das Baltikum wuchsen allein zwischen 2004 und 2008 um die 30%, während Deutschland dagegen nur 7% und die EU-15, die allerdings auch einige Aufholer wie die Mittelmeerländer einschließt, nur 8% zulegten. Die Prokopfeinkommen der ärmeren Länder verringerten in den letzten zehn Jahren ihren Abstand vom Niveau der EU-15 um etwa 20 Pro­zentpunkte im Baltikum, der Slowakei und Rumä­nien und um etwa 10 Prozentpunkte in den anderen Mitgliedstaaten Mittel- und Osteuropas sowie in Griechenland und Spanien. Die Krise beendete 2008 dieses Zusammenwachsen Europas und führte in Teilen wieder zu einem weiteren Auseinanderfallen. Der Preis des Kohäsionserfolgs: Riskante Defizite und Verschuldung Der europäische Aufholprozess war von hohen Leis­tungsbilanzdefiziten der meisten Peripherieländer begleitet. Sie finanzierten diese Defizite überwiegend durch eine wachsende Verschuldung, soweit sie nicht Kapitalzuflüsse in Form von Direktinvestitio­nen erhielten. Hintergrund der Defizite war die deut­liche reale Aufwertung der Währungen der aufho­lenden Länder in Form höherer Inflation und/oder nominaler Aufwertungen durch Veränderung des Wechselkurses der einheimischen Währung gegen-