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Warum Deutschland einen gesetzlichen Mindestlohn braucht
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November 2009 direkt Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Warum Deutschland einen gesetzlichen Mindestlohn braucht Gerhard Bosch/ Thorsten Kalina/ Claudia Weinkopf 1 Auf einen Blick Deutschland ist nach wie vor eines der wenigen Länder ohne gesetzlichen Mindest­lohn. Dem Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung zufolge soll dies auch in den nächsten Jahren so bleiben, obwohl die deutliche Zunahme des Niedriglohnsektors in Deutschland dafür spricht, dass hier politischer Handlungsbedarf besteht. Ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn, der das Lohnspektrum nach unten hin begrenzt, wäre insbesondere wichtig für Bereiche, in denen die Gewerkschaften und Arbeitgeber­verbände nicht präsent oder zu schwach sind, um angemessene Löhne zu vereinbaren. Neue internationale Studien zeigen, dass selbst vergleichsweise hohe Mindestlöhne positive Effekte auf der betrieblichen Ebene und auf dem Arbeitsmarkt haben können. Niedrig- und Niedrigstlöhne auf dem Vormarsch Der Umfang der Niedriglohnbeschäftigung in Deutschland ist seit Mitte der 1990er Jahre deutlich gewachsen und liegt inzwischen deutlich über dem europäischer Nachbarländer. Sogar das hohe Niveau der USA ist fast erreicht. Während die oberen Ein­kommensgruppen zwischen 1995 und 2006 zumin­dest leichte Reallohnzuwächse zu verzeichnen hat­ten, sind die durchschnittlichen Stundenlöhne im unteren Einkommensquartil in diesem Zeitraum in­flationsbereinigt um fast 14% gesunken. Selbst im Wirtschaftsaufschwung seit 2004 ist der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten weiter angestiegen. Be­sonders bedenklich erscheint, dass der Anteil von Beschäftigten mit Niedrigstlöhnen von weniger als 50% oder sogar einem Drittel des Medians deutlich gestiegen ist. Immer mehr Menschen arbeiten in Deutschland also für Löhne, die selbst für vollzeit­arbeitende Alleinstehende kaum zur Bestreitung des Lebensunterhaltes ausreichen. Wer ist besonders betroffen? Von Niedriglöhnen sind keineswegs nurRandgrup­pen betroffen. Vielmehr stammt die große Mehr­heit der Niedriglohnbeschäftigten in Deutschland