PERSPEKTIVE| FES BELGRAD Serbien Mladic und der Kandidatenstatus Michael Ehrke Juni 2011 War es das? Als vor zweieinhalb Jahren Radovan Karadzic in Belgrad gefasst und dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag überstellt wurde, mobilisierte die Serbische Radikale Partei 15 000 Menschen zu einer Protestversammlung. Zu diesem Anlass lieferten die berüchtigten Hooligans der Polizei eine Straßenschlacht, die einem Protestierer das Leben kostete. Den damaligen Kommentaren der Medien zufolge würde die Auslieferung Ratko Mladics weitaus größere Proteste auslösen. Karadjic war Politiker und daher wenig populär. Mladic war populärer, als Militär war er frei vom Korruptionsverdacht, unter dem Politiker in Serbien generell stehen; er galt als Nationalheld, Umfragen zufolge würden 51 Prozent der Serben den ehemaligen Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Armee nicht an Den Haag ausliefern. Als Ratko Mladic gefasst wurde, gab es in Belgrad kleinere spontane Protestversammlungen. Auf dem Platz der Republik skandierten Protestierer» Noz, cica, Srebrenica« (»Messer, Draht, Srebrenica«) und»Boris(Tadic), rette Serbien und bring dich um« – dieselbe Parole, die in den Fußballstadien einst gegen Slobodan Milosevic skandiert worden war. In Novi Sad war die Menge der Protestierer etwas größer; einige hundert griffen die Gebäude des staatlichen Fernsehens und der Demokratischen Partei an, konnten aber, wie in Belgrad, von der Polizei unter Kontrolle gehalten werden. Für den Abend des 29. Mai rief die Radikale Partei in Belgrad dann zu einer Protestversammlung auf; die klerikal-faschistische Organisation Obraz schloss sich dem Aufruf an. Etwa 10 000 Menschen kamen;»einige Dutzend« Aufrührer griffen die Polizei an, 100 wurden festgenommen: Das war es dann. Die Festnahme des Nationalhelden Ratko Mladic brachte weniger gewaltsame Protestierer auf die Straße als die des Politikers Karadjic, als die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo, bei der(mit Duldung des damaligen Ministerpräsidenten Kostunica) die amerikanische und deutsche Botschaft angegriffen worden waren, und als die Gaypride-Parade vom Oktober 2010, bei der über 150 Polizisten verletzt wurden. Der Wunsch eines Bloggers, »Ich will Brände und Plünderungen sehen!« ging vorerst nicht in Erfüllung. Folgt man der Berichterstattung der Medien, war der spontane Protest, der sich in Kroatien gegen die Verurteilung Ante Gotovinas erhob, weitaus stärker als der Protest der Serben gegen die Inhaftierung Ratko Mladics. Heißt das, dass der extreme serbische Nationalismus an sein natürliches Ende gekommen ist? Die Radikale Partei, vor wenigen Jahren die populärste Partei Serbiens, erfreut sich Umfragen zufolge der Zustimmung von nur noch fünf Prozent der Wähler. Milosevic hatte ihren Führer Seselj einst in die Regierung aufgenommen, um der Welt zu zeigen, dass Serbien Schlimmeres zu bieten hatte als ihn selbst. In einer ersten Reaktion wand sich der Führer der Forts chrittspartei(SNS), Spaltprodukt der Radikalen, geradezu, um eine Kommentierung der Festnahme Mladics zu vermeiden: Er sei»vollkommen überrascht«, »viele Fragen müssten geklärt werden«. In einer zweiten Reaktion allerdings gab er bekannt, auch eine von seiner Partei geführte Regierung hätte Mladic ausgeliefert. Und die jungen Männer mit den Kapuzenpullis von Obraz oder der»Bewegung 1389« bzw. aus den Stadien von Partizan und Roter Stern brachten es dieses Mal nicht fertig, Belgrad in Angst und Schrecken zu versetzen. Bedeutet die Verhaftung Mladics das Ende der pro-europäischen Regierung? In den Kommentaren der internationalen Medien sind zwei im Grunde einander ausschließende Trends zu
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