DEMOKRATIE IM AUSNAHMEZUSTAND Wer sind die Querdenker_innen? Nadine Frei und Oliver Nachtwey Schon früh regte sich Unmut gegen die verordneten Maßnahmen zur Einschränkung der Corona-Pandemie. Unter dem schillernden Begriff»Hygienedemos« fanden ab April 2020 Demonstrationen in Berlin statt, später auch in anderen deutschen Städten und ländlichen Regionen, die sich gegen die coronabedingten Bestimmungen richteten. Die Stuttgarter Initiative»Querdenken 711« verfolgte im Anschluss an eine Demonstration am 9. Mai 2020 mit 20.000 Teilnehmer_innen eine bundesweite Mobilisierung. Die größten bundesweiten Kundgebungen waren in der Folge in Berlin(1. und 29. August 2020), Konstanz(4. Oktober 2020) und Leipzig(7. November 2020). Über den Winter wurde es etwas ruhiger, seit dem Frühjahr kam es wieder zu größeren Protesten in Stuttgart, Kassel oder Berlin. Mittlerweile scheint es allerdings einen Abwärtstrend zu geben. Nach wie vor stellt sich aber die Frage: Wer sind die Teilnehmer_innen und Sympathisant_innen dieser neuen Proteste? Das Anfang September 2020 initiierte Basler Forschungsprojekt»Politische Soziologie der CoronaProteste« interessiert sich für die Motive, Werte und Überzeugungen der Protestierenden. Die Bewegung weist keine weltanschauliche Kohärenz auf, im Unterschied etwa zu Pegida, weshalb man auch von einer»normativen Unordnung« sprechen kann. Zur Untersuchung der Proteste wurde unter anderem eine Online-Befragung in offene Telegram-Chat-Gruppen gepostet, die dieser Bewegung zugeordnet werden können. Durch dieses Verfahren, es handelt sich um eine nicht-repräsentative Studie, wurden 1152 ausgefüllte Fragebögen generiert. Die Auswertung der Befragung hat gezeigt, dass die Mehrheit der Studienteilnehmer_innen zur Mittelschicht gehört. Ihr Durchschnittsalter beträgt 47 Jahre, mehr als drei Viertel sind über 38 Jahre alt. 31 Prozent haben das Abitur, 34 Prozent verfügen über einen Studienabschluss. Im Vergleich zur deutschen Gesamtbevölkerung, 9,6 Prozent, gibt es mit 25 Prozent einen hohen Anteil Selbständiger. „ Politisch handelt es sich um eine Bewegung, die eher von links kommt und nach rechts geht.“ Politisch handelt es sich um eine Bewegung, die eher von links kommt und nach rechts geht. 18 Prozent der Teilnehmer_innen haben bei der letzten Wahl die Linke gewählt, 23 Prozent haben den Grünen die Stimme gegeben und 15 Prozent der AfD. Bei der nächsten Bundestagswahl würden sogar rund 27 Prozent die AfD wählen. Besonders auffallend in Bezug auf das Wahlverhalten ist der Umstand, dass 61 Prozent der Befragten dazu tendieren, nicht-etablierten Kleinstparteien ihre Stimme zu geben. Hier zeigt sich, dass innerhalb dieser Bewegung die Volksparteien enorm an Zustimmung verloren haben. Im Gegensatz dazu werden in Bezug auf die Institutionen der liberalen Demokratie der Justiz, der Polizei, den Umweltgruppen und den Bürgerinitiativen verhältnismäßig viel Vertrauen entgegengebracht; auch Unternehmen wird weniger misstraut als den Medien, der Regierung, der EU, der UNO, den Banken, den Parteien und dem Parlament. Es handelt sich mithin um eine Bewegung, die sich durch eine starke Entfremdung vom politischen System auszeichnet, was auch in den qualitativen Untersuchungen deutlich wird. Ein fundamentales Misstrauen richtet sich innerhalb dieser Protestbewegung gegen etablierte Autoritäten und Institutionen wie zum Seite 1
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