NR. 45 BETRIFFT: BÜRGERGESELLSCHAFT JUNI 2021 DEMOKRATISCHE SELBSTKORREKTUR IST GEFRAGT! Mit einer starken Zivilgesellschaft gegen politische Polarisierung und Rechtspopulismus in Pandemiezeiten Roland Roth CORONA UND DIE SELBSTVERGIFTUNG DER ZIVILGESELLSCHAFT Wer angesichts der anhaltenden„Querdenker“-Proteste nicht verzweifelt, hat keinen politischen Verstand. Bei ihren Aufmärschen kommt eine aggressive Mixtur von Corona-Leugnung, Verschwörungsphantasien, Aberglauben, Esoterik und Ressentiments gemischt mit einer größer werdenden Portion Antisemitismus, Rechtsextremismus und neoliberal getönter Rücksichtslosigkeit zusammen. Eine angstgesteuerte Selbstüberschätzung, Wissenschaftsfeindlichkeit und wütende Maßlosigkeit(„Corona Faschismus“) über lagert jede nachvollziehbare Zukunftsangst und die womöglich berechtigte Kritik am staatlichen Infektionsschutz. Da es in Pandemien um Leben und Tod geht, sind sie regelmäßig von angstgesteuerten Protesten begleitet, die zusätzliche Infektionsgefahren mit sich bringen. Schon die kurze Phase verstärkter Zuwanderung von Geflüchteten hatte Proteste ausgelöst, die den Untergang des Abendlands an die Wand malten. Dass Ressentiments und Verschwörungsphantasien weit verbreitet sind, zeigen einschlägige Autoritarismus-Studien. Dennoch überrascht die antidemokratische Vehemenz, mit der Institutionen liberaler Demokratie grundsätzlich abgelehnt und abgewertet werden. Dass dazu auch politische Unternehmer vom rechten Rand erheblich beitragen und ihre Chance nutzen, kann nicht verwundern. Die antidemokratische Vehemenz im Zuge der„Querdenker“-Proteste, mit der Institutionen liberaler Demokratie grundsätzlich abgelehnt und abgewertet werden, überrascht. Die Folgen für die Zivilgesellschaft sind erheblich. Politische Polarisierungen, die bereits mit der Zuwanderung von Geflüchteten aufgebrochen sind, werden überlagert und verstärkt durch Kontroversen über den Umgang mit Covid-19. Zerrissenheit kennzeichnet viele Familien und Freundschaftskreise. Fehlende Verständigungsbereitschaft und emotionale Zuspitzung haben zu einer Selbstvergiftung der Zivilgesellschaft geführt. Ihre zentralen Normen eines friedlichen und respektvollen Austrags von unterschiedlichen Meinungen und die Anerkennung vielfältiger Lebensweisen stehen zur Disposition. Das Vertrauen in eine zentrale Errungenschaft der Zivilgesellschaft, ihre Fähigkeit zur demokratischen Selbstkorrektur und zivilen Reparatur durch Gegenbewegungen und öffentliche Debatten schwindet. In dieser Situation liegt es nahe, sich angewidert umzudrehen und nach staatlichen Eingriffen zu rufen, die das„Nie wieder“ bekräftigen und verdeutlichen, dass Rassismus und Antisemitismus keine Meinungen, sondern Verbrechen sind. Angesagt ist dennoch eine offensive zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der sich ausbreitenden Dunkelzone aus Aberglaube, Ressentiments, Verschwörungserzählungen und Wissenschaftsfeindlichkeit. Erste Beratungsstellen(z.B.„veritas“) bieten ihre Hilfe an. Seite 1
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Demokratische Selbstkorrektur ist gefragt! : Mit einer starken Zivilgesellschaft gegen politische Polarisierung und Rechtspopulismus in Pandemiezeiten
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