Hans J. Pongratz DIREKT 23/ 2021 BEWERBUNG ALS RISIKO? Informationskontrolle auf dem digitalisierten Arbeitsmarkt AUF EINEN BLICK Online-Stellenbörsen, Karrierenetzwerke und Rekrutierungssoftware machen es wesentlich leichter, für die Stellensuche und Personalauswahl Informationen zu sammeln. Die digitale Beschäftigungs industrie gewinnt über die neuen Datenzugänge zusehends Einfluss auf Vermittlungsprozesse am Arbeitsmarkt. Bewerber_innen dagegen droht aufgrund des Informationsungleichgewichts und der Intransparenz der Verfahren digitaler Personalauswahl der Verlust der Kontrolle über ihre Selbstdarstellung. Wer sich auf eine Stelle bewirbt, gibt viel von sich preis. Im Anschreiben begründen Bewerber_innen ihr Interesse an der ausgeschriebenen Position. Im Lebenslauf führen sie ihren Bildungsweg und ihre beruflichen Stationen möglichst lückenlos auf. Die beigefügten Zeugnisse enthalten Urteile früherer Arbeitgeber. Da es sich um vertrauliche Angaben handelt, ist der Umgang mit diesen Daten in der Datenschutz-Grundverordnung(DSGVO) und im Betriebsverfassungsgesetz(BetrVG) geregelt: Bewerbungsunterlagen sind im Betrieb nur einem eingeschränkten Personenkreis zugänglich und im Falle einer Absage zu löschen. Die Digitalisierung der Vermittlungsprozesse am Arbeitsmarkt wirft in dieser Hinsicht neue Fragen auf. Was geschieht mit den von Internetplattformen wie den Karrierenetzwerken XING oder LinkedIn zur Personalsuche bereitgestellten Informationen? Welches Material liefern digitale Instrumente wie Chatbots, Videointerviews oder Online-Tests im Rekrutierungsprozess? Und wie sind Daten geschützt, die nicht die möglichen künftigen Arbeitgeber, sondern private Personalvermittlungen zusammentragen? Bewerbungsabläufe haben sich mit Plattformdiensten und digitalen Tools stark verändert. Erst allmählich zeichnet sich ab, welche Folgen für die Kontrolle über all die Informationen zu erwarten sind, die Stellensuchende von sich preisgeben. Noch ist die digitalisierte Personalrekrutierung selten ein Thema in Politik und Forschung. Das liegt zum einen daran, dass ihre Risiken schwer ersichtlich sind und gegenüber den potenziellen Vorteilen bisher wenig ins Gewicht fallen: Der Abgleich digitalisierter Informationen verspricht, die Passung zwischen Arbeitskraftangebot und-nachfrage zum beiderseitigen Nutzen zu erhöhen und Diskriminierung zu verhindern (Pongratz 2021a). Zum anderen verläuft der Wandel bei Weitem nicht so rasant und einschneidend, wie wir das vom Online-Handel(Amazon) oder den Social Media(Facebook, Instagram etc.) kennen. Für die Rekrutierung werden digitale Verfahren zwar bereits vielfältig genutzt, angesichts erheblicher Umsetzungsprobleme stoßen sie in den Betrieben aber noch auf Skepsis(Weitzel et al. 2020). Auch wenn die Digitalisierung auf diesem Gebiet nur schrittweise vorankommt, verändert sie doch grundlegend die Möglichkeiten des Arbeitsmarktzugangs und der Personalauswahl. DIE DIGITALE BESCHÄFTIGUNGSINDUSTRIE Digitale Angebote zur Personalrekrutierung sind zu einem wachsenden Geschäftsfeld der globalen Beschäftigungsindustrie geworden(siehe zum Folgenden Pongratz 2021b). Dabei lassen sich drei Bereiche unterscheiden:(a) die Informationsvermittlung durch Internetplattformen,(b) Softwarelösungen für die Rekrutierung und(c) digitale Dienstleistungen privater Agenturen. (a) Internetplattformen: Online-Stellenbörsen(Monster, Stepstone usw.) haben inzwischen die Zeitungen als Publikationsmedien für Stellenanzeigen weitgehend abgelöst. Stellensuchmaschinen wie Indeed oder(seit 2019 auch in Deutschland) Google Jobs eröffnen globale Zugänge zu >
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Bewerbung als Risiko? : Informationskontrolle auf dem digitalisierten Arbeitsmarkt
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