FES BRIEFING ITALIEN: PERSPEKTIVEN NACH DEM EU-GIPFEL Luca Argenta, Michael Braun Juli 2020 DIE WIRTSCHAFTLICHE SITUATION Italien darf für sich das traurige Primat beanspruchen, das von der Covid-Krise ökonomisch am härtesten getroffene Land der EU zu sein. Die EU-Kommission kalkuliert für das Jahr 2020 einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts(BIP) um 11,2 %. Zum Vergleich: Für Deutschland wird ein Minus von 6,3 % erwartet. Zwar fing die Regierung bisher einschneidende soziale Folgen zu einem guten Teil auf. Vorneweg wurde die Kurzarbeitskasse mit Sonderregelungen flächendeckend angewandt; zudem wurde bis zum August ein Entlassungsstopp für alle unbefristet Beschäftigten verfügt. Doch schon jetzt sind etwa 400.000 Zeitverträge ausgelaufen, ohne dass eine Verlängerung erfolgt wäre. Im Herbst wird deshalb nach dem Auslaufen des Entlassungsstopps mit einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit gerechnet, die jetzt schon bei über 10 % liegt. Dramatisch wird sich auch die Situation der öffentlichen Finanzen gestalten. Seit März hat sich die Regierung vom Parlament eine zusätzliche Schuldenaufnahme von etwa 80 Milliarden Euro genehmigen lassen, weitere 18–20 Milliarden werden bis zum August hinzukommen. Die öffentliche Nettoneuverschuldung wird damit im laufenden Jahr auf über 11 % des BIP ansteigen, der gesamte Schuldenberg wird von 135 % auf 160 % hochschießen. Italien ist auch deshalb besonders fragil, weil der Covid-Schock ein Land trifft, das 20 Jahre der Stagnation hinter sich hat. Ein Vergleich mit anderen Staaten macht dies schlagend deutlich: Am Ende des Jahres wird das BIP Italiens um 9 % unter dem Wert von 2008 liegen, während Deutschland ein Plus von 13 %, Frankreich ein Plus von 7 % und Spanien ein Plus von 3 % verbuchen werden. Italien muss damit als das Land in der Eurozone gelten, das an den Finanzmärkten den größten Risiken ausgesetzt ist – und das deshalb wie kein anderes auf europäische Lösungsmechanismen angewiesen ist, um seine Verwundbarkeit zu mindern. Das Land profitiert vom massiven Ankauf seiner Staatsschuldtitel durch die EZB in Höhe von bisher etwa 200 Milliarden Euro, und es wird auch die Italien zustehenden 20 Milliarden aus dem Sure-Programm für die Arbeitslosensicherung ebenso wie die von der Europäischen Investitionsbank für produktive Investitionen bereitgestellten 35 Milliarden nutzen. Von zentraler Bedeutung ist für Italien jedoch der von der EU aufgelegte Recovery Fund, der dem Land über die nicht rückzahlbaren Zuschüsse ebenso wie über die zu äußerst günstigen Zinsen ausgereichten Kredite weitere Luft zum Atmen gibt. Am Ende führte der in Brüssel erreichte Kompromiss dazu, dass die dem Land zukommenden Zuschüsse um 4 Milliarden auf gut 81 Milliarden Euro gekürzt wurden – dafür jedoch stiegen die Kredite um stolze 38 Milliarden auf nunmehr 127 Milliarden Euro. Insgesamt stehen dem Land damit in den nächsten Jahren zusätzliche 209 Milliarden Euro zur Verfügung, die nicht durch eine italienische Schuldenaufnahme an den Märkten finanziert werden müssen. Dies bedeutet gegenüber dem ursprünglichen Kommissionsvorschlag (172 Milliarden Euro an Italien) ein enormes Plus und erlaubt der Regierung in Rom, sich mit gutem Recht unter den Siegern des Gipfels zu sehen. DIE REGIERUNG Die gegenwärtige Regierung ist seit September 2019 im Amt, getragen wird sie von zwei größeren Partnern, der AntiEstablishm ent-Bewegung Movimento5Stelle(M5S – 5-Sterne-Bewegung) und der Partito Democratico(PD), sowie zwei kleineren Formationen, der Partei Matteo Renzis Italia Viva(IV) sowie der radikal linken Liste Liberi e Uguali(LeU – Freie und Gleiche). Diese Partner fanden im letzten Jahr zunächst in einer reinen Negativkoalition zusammen. Nachdem die rechtspopulistische Lega unter Matteo Salvini im August 2019 die vorherige Koalition – auch sie schon unter Conte – mit dem M5S aufgekündigt hatte, um nach Neuwahlen»die ganze Macht«(so Salvini) zu erlangen, wollten vorneweg PD und M5S trotz ihres chro1
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