DEMOKRATIE IM AUSNAHMEZUSTAND Sind autoritäre Staaten für die Pandemiebekämpfung besser gerüstet als demokratische? Manfred G. Schmidt Übertreffen autoritär regierte Staaten die Demokratien bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie? Auf den ersten Blick scheint die Antwort„Ja“ zu sein: Denn wer in einem autoritären Staat die politische Macht hat, kann durchregieren. Besonders weit reicht der Arm der Machthaber in den härtesten autoritären Regimen. Dort steht ihnen wenig im Weg: eine nennenswerte Opposition existiert nicht, ebenso wenig wie freie Wahlen, eine freie Presse oder unabhängige Richter. Wirksame Schutzund Abwehrrechte der Bürgerinnen und Bürger? Fehlanzeige. Falls es doch noch Gegner geben sollte, können sie mit Repression zermürbt werden. Allerdings sind Zweifel am Vorteil autoritärer Staaten angebracht. Normalerweise werden autoritäre Regime nämlich nicht besser regiert als demokratische, sondern schlechter. In vielen Politikfeldern gibt es einen„Dem okratie- Vorteil“. So lehrt es ein Großteil der Forschung über Demokratien und Nichtdemokratien. Außerdem spricht ein Lehrsatz der internationalen Statistik gegen die autoritären Regime: Die Qualität statistischer Daten ist umso geringer, je ärmer und je autoritärer ein Staat ist. Dieser Lehrsatz wirft einen tiefen Schatten auf die Erfolgsmeldungen, zu denen autoritäre Regierungen neigen – auch bei der Pandemiebekämpfung. „ Zweifel sind angebracht: Wie autoritäre Staaten wirklich reagieren.“ Die Reaktionen auf Covid-19 bestärken die Zweifel am „Autokratie- Vorteil“ bei der Pandemiebekämpfung, wie auch empirische Untersuchungen zeigen(z.B. die des Varieties of Democracy Institute). Etliche autoritäre Staaten sind wirtschaftlich schwach und haben ein entsprechend wenig leistungsfähiges Gesundheitssystem. Diesen Ländern fehlen die Mittel für flächendeckende Tests und wirksame Therapien gegen die Infektion. Dort hat der Großteil der Bevölkerung keinen Schutz durch eine leistungsfähige Krankenversicherung. Vorrang geben diese Regime allerdings oft der medizinischen Versorgung besonders wichtiger staatstragender Gruppen. Ansonsten sind nur wenige in diesen Ländern so wohlhabend, um aus eigenen Kräften die tiefe Wirtschaftskrise durchzustehen, die infolge gesundheitspolizeilicher Maßnahmen wie Ausgangssperren, Versammlungsverbote, Schulschließung oder Verriegelung der Staatsgrenzen entsteht. In wirtschaftlich wohlhabenden Autokratien, insbesondere den erdölexportierenden Ländern, werden zur Pandemiebekämpfung umfangreiche Kontrollmaßnahmen ergriffen. Ihnen kommt eine junge, weniger infektionsanfällige Bevölkerung zugute. Allerdings herrscht in diesen Staaten oft eine krasse Inländer-Ausländer-Spaltung. Die Pandemiebekämpfung zielt auf die einheimische Bevölkerung, wiederum oft vorrangig zugunsten politisch besonders wichtiger Gruppen. Die große Masse der abhängig Erwerbstätigen, vor allem die überwiegend schlecht bezahlten und versicherungsrechtlich wenig geschützten Migrantinnen und Migranten, bleibt hingegen weitgehend ausgegrenzt oder wird gegebenenfalls ausgewiesen. Die Volksrepublik China steht für einen dritten Fall. Seiner Selbstbeschreibung zufolge hat Chinas Staatsapparat, geführt von der allgegenwärtigen Kommunistischen Partei, die Pandemie früh, schnell und flächendeckend beSeite 1
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Sind autoritäre Staaten für die Pandemiebekämpfung besser gerüstet als demokratische?
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