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Leitet die Krise eine neue Ära der Deglobalisierung ein?
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DEMOKRATIE IM AUSNAHMEZUSTAND Leitet die Krise eine neue Ära der Deglobalisierung ein? Michael Zürn Nicht wenige erwarten, dass auch die Globalisierung ein Opfer der Corona-Krise werden könnte. Ob Andreas Uhlig in der Wirtschaftsredaktion der Neuen Züricher Zeitung o der Thomas E. Schmidt im Feuilleton derZeit, die Annahme, dass die Deglobalisierung ein Langzeiteffekt der Krise sein wird, ist weitverbreitet. Auch Joseph Stiglitz hat sich allerdings deutlich differenzierter bei einem Vortrag bei der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Devise Build back better ausgesprochen. Tatsächlich sind Krisen Momente für historische Weichenstellungen und Veränderungen. Allerdings verändert sich nach einer Krise nie alles. Aus den Sozialwissenschaften wissen wir, dass für einen grundlegenden Wandel drei Bedingungen erfüllt sein müssen. Zum einen muss es sich um gesellschaftliche Praktiken handeln, die als ursächlich oder zumindest verschärfend für die Krise angesehen werden. Eine exogen verursachte Unternehmenskrise bedarf laut Lehrbuch weit weniger der Restrukturierung, als eine endogene Krise. Eine Veränderung setzt zudem machbare Alternativen voraus, deren Verwirklichung nicht allzu kostenträchtig ist. Nach der Ozonkrise konnten beispielsweise relativ einfach Ersatzstoffe für die verursachenden Fluorchlorkohlenwasserstoffe(FCKW) entwickelt werden. Dementsprechend setzten sich die Ersatzstoffe schnell durch. Ähnliche simple Alternativen sind bei der Klimakrise nicht in Sicht. Besonders wahrscheinlich führt eine Krise dann zur Änderung, wenn die betroffene Praxis vorher schon rückläufig war. Der Zweite Weltkrieg rief einen Dekolonisierungsschub hervor, weil der Kolonialismus seinen Gipfelpunkt zu dieser Zeit bereits überschritten hatte. Ist es vor diesem Hintergrund wahrscheinlich, dass das Coronavirus zu einem Rückgang der Globalisierung führen wird? Zumindest mit Blick auf die ökonomischen Verflechtungen muss das bezweifelt werden. Denn zunächst ist das Virus ein exogener Schock, das als solches keine Folge der Globalisierung ist. Das Virus trat lokal auf und verbreitete sich dann epidemisch in der Region. Für die Vernetzung der Epidemien, also die Ansteckung von Regionen aus anderen Regionen, reichen aber die normalen Verbindungen einer interdependenten Welt, dazu braucht es keine intensive Globalisierung. Erst wenn keine Flugzeuge mehr fliegen, keine Züge und Schiffe mehr fahren würden, ließe sich ein Virus wie Covid-19 regional einsperren. Zunächst ist das Virus ein exogener Schock und keine Folge der Globalisierung. Zwar kann nicht bezweifelt werden, dass Regionen mit besonders offenen Grenzen und starken weltwirtschaftlichen Verflechtungen früher und härter getroffen worden sind; ein bloßes Zurückschrauben der Globalisierung reicht jedoch nicht, um die Ausbreitung gänzlich zu unterbinden. Es bedarf schon der Grenzschließung. Das erfordert eher die Rückkehr ins 18. Jahrhundert. Selbst 1831 konnte die aus Asien kommende Cholera trotz eines militärischen Sperrgürtels nach Europa gelangen. Der ursächliche Beitrag des Globalisierungs­schubes der 1990er und 2000er Jahre zur Ausbreitung der weltweiten Pandemie, die die WHO am 12. März ausgerufen hat, erscheint gering. Es muss daher Seite 1