4 DEUTSCHLAND Ebert-Stiftung Neue Studie der FriedrichBlick in die Mitte der Gesellschaft VIELE REDEN VON IHR, ALLE WOLLEN SIE GEWINNEN, DOCH NIEMAND K A N N S I E W I R K L I C H G R E I F E N: D I E M I T T E D E R G E S E L L S C H A F T. Gemeint ist mit diesem Begriff die große Mehrheit der Bevölkerung und die diese Personen verbindenden Handlungsweisen und Einstellungsmuster. Welche politischen Stimmungen sind vorherrschend bei der Mehrzahl der Bevölkerung? Meinungsbefragung der FES(Foto: Publix) Im Auftrag der FriedrichEbert-Stiftung haben Wissenschaftler der Universität Leipzig in bundesweit zwölf Gruppendiskussionen Personen nach ihren politischen Meinungen befragt, um daraus Rückschlüsse auf die Entstehungsbedingungen demokratischer oder rechtsextremer Einstellungen zu ziehen. „Wir wollten die politischen Aussagen mit den Lebensläufen der befragten Personen in Verbindung bringen“, erläutert Projektleiter Dr. Oliver Decker. Der dabei entstehende„Blick in die Mitte“ – so der Titel der Studie – wurde im Juni veröffentlicht und schließt an die Repräsentativbefragung„Vom Rand zur Mitte“ über das Ausmaß rechtsextremer Einstellungen in Deutschland vom Herbst 2006 an. Rechtsextremismus gedeiht auf dem Boden von Angst- und Ausgrenzungserfahrungen. Gleichzeitig zeigen sich weit verbreitete ausländerfeindliche Einstellungen sowie eine geringe Wertschätzung der Demokratie in der deutschen Bevölkerung – so ein Kurzfazit der Untersuchung. Ausländerfeindliche Ressentiments zeigten mit besorgniserregender Selbstverständlichkeit auch Personen, die sich in der Fragebogenuntersuchung 2006 nicht rechtsextrem geäußert hatten. Ein Grund für die Ausgrenzung von Menschen mit Migrationshintergrund ist der von vielen verspürte hohe gesellschaftliche Normierungsdruck. Weil Sanktionen gegenüber abweichendem Verhalten akzeptiert werden, geraten insbesondere Migranten sowie Arbeitslose unter Anpassungsdruck und werden ausgegrenzt. Daneben verbindet sich das Unverständnis vieler Befragter der Möglichkeiten zur Mitgestaltung in einer Demokratie mit einer alarmierenden Geringschätzung des demokratischen Systems: Demokratie wird nicht als Freiheit garantierender Wert anerkannt, sondern nur insofern akzeptiert, wie sie individuellen Wohlstand garantiert. Schließlich zeigte sich, dass die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit auch heute noch große Bedeutung hat:„Wir können sogar bei heute 20- bis 30-jährigen feststellen, dass eine demokratische Einstellung häufig einhergeht mit einer Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, die Scham und Schuld über die familiären Verstrickungen zulässt“, so Decker. Auch zu möglichen Konsequenzen der Untersuchungsergebnisse äußern sich die Autoren der Studie: Das Wissensdefizit über die Demokratie müsse abgebaut und Empathiefähigkeit gegenüber anderen Lebensweisen gefördert werden. Die Erinnerung der deutschen NS-Vergangenheit sollte sowohl inhaltlich als auch emotional ausgestaltet werden. DIE STUDIE IM NETZ www.fes.de/rechtsextremismus/studie FES I N F O 3/2008
Heft
(2008) 3
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