FES BRIEFING BRASILIEN Gewerkschaftsmonitor Mai 2025 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN alitionsregierung sind. Eine soziale und arbeitnehmer_innenfreundliche Politik ist somit schwer umzusetzen. POLITISCHE ENTWICKLUNG Nach zwei gewerkschaftsfeindlichen Regierungen unter Michel Temer(2016–2018) und Jair Bolsonaro(2019–2022) ist seit Januar 2023 mit Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores(PT), die durch Gewerkschafter_innen mitgegründet worden ist, wieder ein gewerkschaftsnaher Präsident im Amt. Lula war Gewerkschafter und Vorsitzender der Metallgewerkschaft der ABC-Region(Sindicato dos Metalúrgicos). Wie auch während der ersten von Lula und der PT geführten Regierungen(2003–2010) verstehen sich die progressiven Gewerkschaften nach zwei Jahrzehnten des gemeinsamen Eintretens für Demokratisierung und politische Erneuerung als Teil des linken Regierungsprojekts. So wie damals soll auch jetzt durch gewerkschaftlichen Einfluss auf die politische Agenda, u. a. in Form der Beteiligung vieler Gewerkschafter_innen in Regierungsämtern, eine progressive Mindestlohn-, Arbeits- und Sozialpolitik erreicht werden. Die politische und soziale Lage in Brasilien bleibt jedoch komplex. Die demokratischen Institutionen und Verfahrensweisen zeigten sich zwar wehrhaft gegenüber den Angriffen des rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro und aktiv bei der Verteidigung der Demokratie. Dennoch sind die demokratiefeindlichen Kräfte in der Politik und der Gesellschaft weiterhin stark, international gut vernetzt und in ihren Echokammern immer stärker vom demokratischen Diskurs abgekoppelt, verstärkt durch evangelikale Kirchen und soziale Medien. Zudem dominieren im Kongress konservative bis rechte Parteien, die insbesondere den großen Agrarunternehmen, den evangelikalen Kirchen und der Waffenlobby nahestehen. Die mit der PT verbundenen Parteien belegen hingegen nur knapp ein Drittel der Sitze im Abgeordnetenhaus, weshalb auch konservative und arbeitgebernahe Parteien Teil der KoTrotz der schwierigen Ausgangslage konnten seit dem Amtsantritt Anfang 2023 Erfolge erzielt werden, etwa bei der Erhöhung des Mindestlohns, bei der Verabschiedung eines Gesetzes zur Lohnparität zwischen Männern und Frauen und beim Kampf gegen Arbeit in Sklaverei ähnlichen Bedingungen. Strukturelle Probleme der Gewerkschaftsbewegung wie die hohe Fragmentierung der Gewerkschaftslandschaft, die ungeklärte Frage des Finanzierungsmodells der Gewerkschaften und der steigende Anteil prekärer Beschäftigungsverhältnisse bleiben jedoch bestehen. Nicht zuletzt aufgrund der politischen Konstellation, in der es keine progressiven Mehrheiten gibt, bleiben grundlegende Reformen schwierig. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Brasilien ist weiterhin eines der hoffnungsvollsten Schwellenländer der Welt und erlebte während der letzten Jahrzehnte – mit einigen Unterbrechungen – eine Wachstumsphase, von der auch bis dahin benachteiligte Bevölkerungsschichten profitierten. Die wirtschaftliche Lage hat sich seit der Corona-Pandemie zwar verbessert, ist aber für weite Teile der Bevölkerung weiter angespannt. Seit 2021 verzeichnet Brasilien ein stabiles Wirtschaftswachstum von drei bis vier Prozent jährlich. Die Arbeitslosenquote ist mit 6,8 Prozent(Stand: Februar 2025) historisch gering und nur halb so hoch wie während der Pandemie. Jedoch arbeiten 37 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in informellen Tätigkeiten ohne Arbeitsvertrag und soziale Sicherung. Das ist ein hoher Anteil, der allerdings deutlich verringert werden konnte(1990: 60 Prozent) und der geringer ist als in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern. Der gesetzliche Mindestlohn, der die Gehälter und Renten von rund 48 Millionen Menschen bestimmt, wird auf Vorschlag des Arbeitsministeriums vom Parlament verabschiedet, Gewerkschaften und Arbeitgeber sind nicht einbezo1
Jahrgang
2025
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