FES BRIEFING KENIA Gewerkschaftsmonitor Juni 2025 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Kenia ist ein demokratischer Staat und verfügt im Vergleich zu anderen Ländern in Ostafrika über stabile politische Verhältnisse mit regelmäßigen Wahlen. Die ideologische Verortung der politischen Parteien ist jedoch wenig ausgeprägt. Die Parteien orientieren sich stärker an ethnischen Zugehörigkeiten, wobei alle bisherigen Präsidenten seit der Unabhängigkeit im Dezember 1963 entweder der ethnischen Gemeinschaft der Kikuyu oder der Kalendjin angehörten. Die Politisierung der ethnischen Zugehörigkeit hat häufig zu politischer Polarisierung und heftig umstrittenen Wahlen beigetragen, die oft von Gewalt begleitet wurden. In der jüngsten Vergangenheit hat die Justiz jedoch eine wichtige Rolle bei der Anfechtung von Wahlergebnissen eingenommen, was zu einem Rückgang der Gewalt beigetragen hat. Die Verfassungsreform von 2010 brachte bedeutende Veränderungen in der Gesetzgebung und den Regierungsstrukturen mit sich. Wichtige Erfolge für die Gewerkschaften und die Förderung von sozialer Gerechtigkeit bilden in der neuen Verfassung die Artikel 41(Arbeitsbeziehungen) und 43(wirtschaftliche und soziale Rechte). Mit diesen Artikeln werden menschenwürdige Arbeit, ein Streikrecht sowie der Zugang zu medizinischer Versorgung, Bildung und sozialer Sicherheit verankert. Zudem stärken sie die Möglichkeiten der Gewerkschaften, sich für die Rechte der Arbeitnehmer_innen und soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Ein politischer Höhepunkt im Jahr 2022 waren die allgemeinen Wahlen in Kenia sowie die höchstrichterliche Entscheidung gegen die Klage des Verlierers der Präsidentschaftswahl, Raila Odinga. Obwohl der größte Gewerkschaftsdachverband, die Central Organisation of Trade Unions(COTU-K), im Wahlkampf eindeutig Partei für die von Raila Odinga angeführte Allianz ergriffen hatte, gratulierte der Verband nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs dem Gewinner der Präsidentschaftswahlen William Ruto. Darüber hinaus sicherte COTU zu, mit der neuen Regierung zusammenzuarbeiten, rief alle Arbeitnehmer_innen ausdrücklich zu einer friedlichen Akzeptanz der Wahlergebnisse auf und unterstützt mittlerweile aktiv Kernanliegen der neuen Regierung. Diese Haltung zeigt einmal mehr, dass die Gewerkschaftsbewegung in Kenia derzeit eine von sehr wenigen demokratisch legitimierten Organisationen ist, die jenseits von ethnischen Grenzen nicht nur Interessen vertreten, sondern auch zur Stabilität des Landes beitragen können. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Kenia steht vor wirtschaftlichen Herausforderungen, die durch wiederkehrende hohe Preissteigerungen gekennzeichnet sind: nach einer Abmilderung von 8,59 % durchschnittlicher Inflationsrate im März 2023 auf weniger als 5 % Mitte 2024 ist aktuell wieder eine spürbare Preissteigerung zu verzeichnen. Zudem hat der kenianische Schilling gegenüber dem Dollar und Euro in den letzten sechs Jahren stark an Wert verloren. Die Staatsverschuldung beläuft sich etwa auf 70 Prozent des BIP und ist damit ebenfalls sehr hoch. Über 60 Prozent der Steuereinnahmen werden aktuell für den Schuldendienst bzw. Zinszahlungen aufgebraucht, sodass der Gestaltungsspielraum der öffentlichen Hand zunehmend kleiner wird und die Regierung Ruto mit zusätzlichen Zinsen und Abgaben sowie der Reduzierung von staatlichen Subventionen für verschiedene Verbrauchsgüter reagiert und damit die Lebenserhaltungskosten seit Jahren in die Höhe treibt – die Reallöhne sind sowohl im privaten wie öffentlichen Sektor zwischen 2020 und 2023 drastisch gesunken. Die offizielle Arbeitslosenquote lag in den letzten drei Jahren offiziell zwischen fünf und zehn Prozent; allein in der Altersgruppe der 20–34-Jährigen sind über drei Millionen Menschen arbeitslos und in den letzten Jahren hat der Zuwachs an Beschäftigung im formellen Sektor abgenommen, so dass immer mehr Menschen versuchen, in der informellen Ökonomie ein Überleben zu sichern. 1
Jahrgang
2025
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten