FES BRIEFING SÜDAFRIKA Gewerkschaftsmonitor Juni 2025 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die südafrikanische Demokratie hat bei den Wahlen 2024 und dem erstmaligen Verlust der absoluten Mehrheit durch den regierenden African National Congress(ANC) einmal mehr ihre Reife und Resilienz bewiesen. In der niedrigen Wahlbeteiligung zeigte sich jedoch auch erneut, dass die Demokratie seit Jahren an Vertrauen verliert, während Populisten Zulauf bekommen. Gerade junge Menschen wenden sich ab von demokratischen Institutionen wie Parteien oder den Gewerkschaften. Grund sind zum einen sozio-ökonomische Exklusion, d. h. die bestehende und sich z. T. verschärfende soziale Ungleichheit sowie Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Die demokratischen Institutionen werden zum anderen durch Patronage, Klientelismus, eine exklusive und patriarchale politische Kultur, Korruption und mangelnde Verwaltungskapazitäten unterminiert. Wesentliche, durch die Verfassung garantierte Rechte werden nicht ausreichend umgesetzt. Das Antidiskriminierungsgebot aufgrund von Geschlecht, race, Behinderung oder sexueller Orientierung wird durch verbale rassistische Attacken u. a. seitens einzelner Partei- und Regierungsmitglieder immer wieder entwertet; die Geschlechtergerechtigkeit wird durch die alltägliche politische und wirtschaftliche Diskriminierung und die Gewalt gegen Frauen unterhöhlt; und soziale Rechte auf Zugang zu guter Bildung, Gesundheitsvorsorge, sozialer Sicherung, Wohnung und Arbeit sind für einen großen Teil der Bevölkerung weiterhin nicht einlösbar. Gelingt es der seit Juni 2024 regierenden Mitte-Koalition (»Government of National Unity«) nicht, eine echte Transformation einzuleiten, drohen sich noch mehr Südafrikaner_innen von der Demokratie abzuwenden und populistische Kräfte(wie z. B. die von Jacob Zuma dominierte Partei UMkhonto weSizwe) an Zulauf zu gewinnen. Die Selbstdiagnose des ANC angesichts der abnehmenden Unterstützung der Wähler_innen ist schonungslos offen, die angestrebte programmatische und organisationale Erneuerung bleibt jedoch hinter den Erwartungen zurück und droht weiter aufgerieben zu werden in internen Machtkämpfe vor den Kommunalwahlen(2026) sowie dem nächsten großen Parteitag (2027), bei dem über Cyril Ramaphosas Nachfolge als Präsident des ANC entschieden werden wird. Der Druck auf den ANC hat sich ebenso innerhalb der institutionalisierten und sogenannten»Tripartiten Allianz« erhöht. Diese bildete sich vor den ersten freien Wahlen 1994 aus dem ANC, dem Gewerkschaftsdachverband Congress of South African Trade Unions(COSATU), und der Kommunistischen Partei Südafrikas(South African Communist Party, SACP). Die Allianz stand traditionell für einen hohen Arbeitnehmerschutz, den Mindestlohn, den Ausbau des Sozialstaates und eine starke Rolle des Staates in der Wirtschaft. Nach der progressiven Ausgestaltung des Arbeitsrechts in den 1990er Jahren kam es aber in den 2000er Jahren angesichts der zunehmend liberalen Politik der Regierung zu Konflikten zwischen COSATU und der Regierung. Die Allianz wird zunehmend von den Gewerkschaftsmitgliedern und Teilen der Führung in Frage gestellt, was auch ein Vorfall auf dem letzten COSATU Kongress im September 2022 zeigte. Während die wiedergewählte Präsidentin Zingiswa Losi in ihrer Eröffnungsrede die Erfolge ihrer Zusammenarbeit innerhalb der Allianz, so in der Abfederung der Wirtschaftsund Covidkrise bspw. über neue Sozialleistungen hervorhob, als auch die Allianz bei»allen Höhen und Tiefen und groben Fehlern des ANC als bestes Vehikel für Veränderung« bezeichnete und vor der Opposition als arbeiterfeindlich warnte, wurde Gwede Mantashe als Vorsitzender des ANC durch lautstarken Protest einer Reihe von Delegierten an seiner Rede auf dem Kongress gehindert. Der Vorfall verdeutlicht die zunehmende Dissonanz in der Allianz und den enormen Unmut der Basis über die Regierungspolitik. Entsprechend kritisch verliefen die Debatten diesbezüglich auf dem Kongress, allerdings letztlich nur mit der Entscheidung des Vorstandes, künftig über die Einsetzung einer Kommission zur Frage zu beraten. 1
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2025
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