FES BRIEFING ALBANIEN Gewerkschaftsmonitor Juli 2023 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Albanien ist eine noch nicht vollständig konsolidierte parlamentarische Demokratie. Die politische Lage des Landes ist von einer starken Regierungsmehrheit der Sozialistischen Partei(SP) um Premierminister Edi Rama und einer schwachen, tief gespaltenen Opposition(Demokratische Partei, DP) geprägt. In den vergangenen drei Dekaden nach Ende der stalinistischen Diktatur bestand eine starke Polarisierung zwischen den politischen Lagern. Aktuell wird die Opposition weder ihrer Kontrollfunktion gerecht noch gibt sie politische Impulse. Die SP hingegen regiert mit absoluter Mehrheit und prägt aufgrund dieser Machtfülle die politische Richtung des Landes allein. Die letzten Parlamentswahlen fanden 2021 statt. Zwei Dimensionen politischer Entwicklungen entfalten Wirkung auf die Lage der Beschäftigten in Albanien. Erstens geht von dem EU-Beitrittsprozess, in dem sich das Land befindet, ein transformativer Wandel aus, der eher indirekt die Arbeitsbeziehungen, die Beschäftigungssituation und die Arbeitsbedingungen einschließt. Zweitens sind im Berichtszeitraum konkrete Reformen erfolgt oder angekündigt worden, die direkt die Lage der Beschäftigten adressieren. Im Juli 2022 eröffnete die EU nach mehrfachem Aufschub in den Vorjahren die Beitrittsgespräche mit Albanien. Alle politischen Kräfte und mehr als 90 Prozent der Bevölkerung wünschen sich die europäische Integration. So war zwar die vorangegangene Zeit des Hinhaltens durch die EU enttäuschend und reduzierte zunehmend den Reformeifer. Nichtsdestotrotz hatten Parlament und Regierung auch in den Vorjahren bereits einige Neuerungen zur Annäherung an den EU-Acquis durchgesetzt. Von besonderer Bedeutung ist die umfassende Justizreform, die den Sektor institutionell und personell neu aufstellt, um Rechtsstaatlichkeit zu fördern und die zuvor vorherrschende Korruption in der Rechtsprechung zu eliminieren. Eines der Ergebnisse dieses Prozesses ist die Sonderstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung von organisierter Kriminalität(SPAK), die im vergangenen Jahr mehrere Korruptionsskandale ans Licht förderte. Diese Stärkung der Rechtsstaatlichkeit und der Korruptionsbekämpfung hat das Potenzial, mittelfristig auch positive Auswirkungen auf die Möglichkeiten einer Demokratisierung der Wirtschaft zu entfalten. Noch sind Wirtschaft und Politik auch informell stark verknüpft. Diese Verbindung sorgt unter anderem dafür, dass bisher an einem auf niedrigen Löhnen basierenden Wirtschaftsmodell festgehalten wird, in dem Gewerkschaften keine Rolle spielen können und sollen. Durch eine schrittweise Entflechtung dieser Beziehungen und eine Stärkung der Transparenz könnten auch die Arbeitsbedingungen und die Rolle der Arbeitnehmer*innenvertretungen verbessert werden. Überdies werden im Rahmen des Beitrittsprozesses alle Vorschriften und Gesetze der EU-Ebene übernommen werden, was auch die Arbeitnehmer*innenrechte und Arbeitsbedingungen direkt betreffen wird. Seit September 2022 findet ein Screening statt, in dem alle Reformbedarfe identifiziert werden. In den kommenden Jahren sollten entsprechende Anpassungen vorgenommen werden, wenn es gelingt, die dafür nötigen Kapazitäten insbesondere in der Verwaltung zu stärken. Neben dem allgemeinen Transformationsprozess gab es in den vergangenen Monaten einige konkrete Reformen oder entsprechende Ankündigungen im Feld der Beschäftigungspolitik. Für alle Berufsgruppen werden in den nächsten Jahren deutliche Gehaltssteigerungen erwartet. So kündigte die Regierung unter anderem an, das Durchschnittseinkommen im öffentlichen Sektor in den nächsten zwei Jahren von derzeit ca. 650 Euro auf 900 Euro anzuheben. Im Gesundheitsbereich sollen die Gehälter im selben Zeitraum um ca. 26–34 Prozent steigen und für Ärzt*innen bis Ende des aktuellen Mandats von Premierminister Edi Rama im Jahr 2025 sogar um 100 Prozent. Neben Gehaltserhöhungen für Lehrkräfte sollen Stipendien in Höhe eines Mindesteinkommens Nachwuchslehrkräfte in ihrer Ausbildung unterstützen. Die Regierung hofft mit Anhebung der Gehälter im öffentlichen Sektor auch auf ein Nachziehen der Privatwirtschaft, deren Gehälter noch immer mehr als 20 Prozent unter denen liegen, die im öffentlichen Sektor gezahlt werden. Hohe Migrations- und rückläufige Geburtsraten üben derzeit starken 1
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Juli 2023
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