FES BRIEFING ARMENIEN Gewerkschaftsmonitor Juli 2023 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNGEN Armenien wurde nach der für Staat und Gesellschaft verheerenden Niederlage im Zweiten Karabach-Krieg 2020 nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozialpsychologisch in eine tiefe Depression gestürzt. Die erhofften Erfolge der»Samtenen Revolution« von 2018 scheinen zunichtegemacht. Politisch findet sich das Land im Status quo ante wieder: Eine geschwächte Regierung steht einer schwachen Opposition gegenüber; die Bevölkerung beobachtet das politische Treiben weitgehend teilnahmslos. Die Emigration nimmt erneut zu. Die Regierung von Premierminister Nikol Paschinjan, des Revolutionshelden von 2018, hat den zur Überwindung des semiautoritären Vorgängerregimes möglicherweise notwendigen Populismus verstetigt und löst das Versprechen verstärkter demokratischer Teilhabe aus diesem Grund gerade nicht ein. Dem revolutionären Gegensatz»Volk vs. Eliten« ist nun der Gegensatz»Volk und Regierung vs. alte Eliten« gefolgt, der erstaunlicherweise verfängt. Nach der Niederlage überstand Paschinjan Rücktrittsforderungen des Staatspräsidenten, der Kirche und der Armeeführung, gerade weil seine Regierung in den Augen vieler immer noch – und trotz Kriegsniederlage – das kleinere Übel im Vergleich zu den Vorgängerregierungen der äußerst unbeliebten Präsidenten Robert Kotscharjan und Sersch Sargsjan ist. Von der Regierungslinie abweichende Meinungen werden schnell als»konterrevolutionär« diffamiert. Das polarisierte politische Klima, in dem Gewalt durch Oppositionsakteure explizit nicht ausgeschlossen wird, verbunden mit der äußerst schwachen internationalen Position Armeniens, hat zu großer zivilgesellschaftlicher Resignation geführt. Die Revolution hat damit keinen nachhaltigen politischen Kulturwandel erbracht: Große Bevölkerungsteile sind weiterhin politikfern und vertrauen den bestehenden Institutionen nicht. Politische Parteien, aber auch Nichtregierungsorganisationen(NGOs) genießen kaum Ansehen. Verschwörungstheorien grassieren insbesondere in den zunehmend bedeutsamer werdenden sozialen Medien. Die Menschen sind anfällig für»fake news« und»alternative Wahrheiten«. Der gesellschaftspolitische Diskurs ist überwiegend konservativ, in der Wirtschaftspolitik liberal. Sichtbare progressive Alternativen fehlen weitgehend: Die nominell sozialistische Partei »Armenian Revolutionary Federation«(ARF) ist überwiegend nationalistisch eingestellt und durch ihre Kollaboration mit dem alten Regime größtenteils diskreditiert. Die neugegründete sozialdemokratische Partei»Bürgerentscheidung« ist marginal geblieben. Zur Politikferne weiter Bevölkerungsteile trägt die starke Zentralisierung des Landes bei: Politische Entscheidungen, aber auch wirtschaftliche Macht und ein großer Teil des armenischen Wohlstands sind in der Hauptstadt Jerewan konzentriert. Die Corona-Pandemie hatte vor allem negative Auswirkungen auf die Gesellschaft. Zum einen besteht ein großer informeller Wirtschaftssektor, und zum anderen werden die Arbeitsrechte oft nur eingeschränkt verteidigt. Dadurch hat sich die Situation vor allem für Menschen aus dem informellen und dem Niedriglohnsektor noch weiter verschärft. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Armeniens Wirtschaftsmodell ist sozial ungerecht und nicht nachhaltig: Oligarchische Großunternehmer kontrollieren jeweils bestimmte Bereiche der Wirtschaft und haben sich nach 2018 mit der Regierung Paschinjan arrangiert. Die städtische Mittelschicht ist relativ klein, wobei sich durch die Entwicklung eines IT-Clusters in Jerewan in den letzten Jahren eine Dynamik ergeben hat, die auch gesellschaftspolitische Relevanz entfaltet. Große Teile der Bevölkerung leben in relativer Armut von Subsistenzwirtschaft und Rücküberweisungen von Arbeitsmigrant*innen, insbesondere aus Russland. Das Wirtschaftswachstum hängt damit stark von externen Faktoren ab: Neben der Wirtschaftsentwicklung in Drittstaaten wie Russland schlägt sich auch ein Preisverfall bei wichtigen, von Armenien exportierten Rohstoffen unmittelbar im Bruttoinlandsprodukt des Landes nieder. Seit 2010 hat das statistisch verzeichnete Wirtschaftswachstum nicht 1
Jahrgang
2023
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten