FES BRIEFING BELARUS Gewerkschaftsmonitor Mai 2021 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN und im schlimmsten Fall an der Ausübung ihrer Tätigkeit gehindert oder gar verhaftet. POLITISCHE ENTWICKLUNG Die Präsidentschaftswahlen vom 9. August 2020 bedeuten eine Zäsur in der belarusischen Geschichte. Das Land befindet sich seit August in einer tiefen politischen Krise. Eine beispiellose neue Welle an Repressionen stellt alles zuvor Dagewesene in den Schatten. Auch die Situation und die Rolle der unabhängigen Gewerkschaften sind hiervon in den vergangenen Monaten nachhaltig beeinflusst worden. Ihre Bedeutung ist enorm gewachsen, doch mit ihr hat auch der Druck auf Gewerkschaftsaktivist_innen(weiter) zugenommen. Zwar regiert Machthaber Alexander Lukaschenko das Land bis dato weiterhin, aber nie zuvor während seiner nunmehr 27-jährigen Amtszeit sah er sich vergleichbaren Massenprotesten ausgesetzt wie in den Wochen und Monaten nach dem 9. August 2020 – und nie zuvor wurden infolge von Protesten derart viele Menschen verhaftet, gefoltert und/ oder zur Ausreise gezwungen. Seit August sind mehr als 35 000 Menschen verhaftet worden. Die Zahl der anerkannten politischen Gefangenen ist in Höhen geschnellt, die selbst für Belarus als schockierend bezeichnet werden müssen. Derzeit zählt das Menschenrechtszentrum Viasna 398 von ihnen(Stand: 18. Mai 2021). Die Zahl der Teilnehmenden an Demonstrationen ist zwar nach anfänglich bis zu 200 000 vor dem Hintergrund der Repressionen deutlich zurückgegangen und das Regime hat seine Macht nach außen hin ein Stück weit konsolidiert, aber die Fronten bleiben verhärtet und es kommt trotz harter Konsequenzen immer wieder zu lokalen Protestaktionen. Durch Gesetzesverschärfungen sind die ohnehin schon drastischen Strafmaßen sogar noch einmal nach oben angepasst worden. Zivilgesellschaftliche Organisationen, unabhängige Medien, Gewerkschaften, Banken, Privatunternehmen und sogar Anwälte sind noch mehr als zuvor ins Visier der Sicherheitsdienste geraten und werden gezielt durchsucht, befragt Der entscheidendste Unterschied zu früheren politischen Krisen in Belarus ist, dass Alexander Lukaschenko möglicherweise keine Mehrheit der Belarus_innen mehr hinter sich weiß. Die wenigen halbwegs repräsentativen unabhängigen Umfragen deuten jedenfalls darauf hin, dass er die Mehrheit verloren haben könnte. Das offizielle Wahlergebnis der Präsidentschaftswahlen(Lukaschenko 80.08 Prozent, Zichanouskaja 10.09 Prozent) war derart frappant gefälscht, dass es weiter zum Verlust des Rückhalts Alexander Lukaschenkos in der Bevölkerung beigetragen hat. Schon im Vorfeld der Wahlen gab es eine Reihe anderer Faktoren, die diese Entwicklung ebenfalls befördert hatten und in Folge derer sich die belarusische Gesellschaft deutlich politisiert hatte: Die Covid-19 Politik des Regimes(die Pandemie wurde stets heruntergespielt), die auch unabhängig hiervon wenig optimistisch stimmenden wirtschaftlichen Perspektiven sowie die Nahbarkeit und Geschlossenheit der»neuen« Opposition rund um die aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidat_innen Babarika, Zepkala und Zichanouskaja – von denen lediglich Zichanouskaja letztlich auch antreten konnte und zur Überraschung der meisten Beobachter_innen zur Speerspitze einer geeinten Opposition avancierte, hinter die sich u.a. auch die freien Gewerkschaften stellten. Hinzu kam eine allgemeine Autokratie- und Lukaschenko-Müdigkeit sowie – nach den Wahlen- das Entsetzen über die selbst für belarusische Verhältnisse unerwartet harte Niederschlagung von Protesten. Streikende Arbeiter_innen haben bei den Protesten eine zentrale Rolle eingenommen, wodurch sich das öffentliche Augenmerk weit stärker als zuvor auf ihre Lage und die Vertretung ihrer Interessen gerichtet hat. Schon im August streikten Arbeiter_innen in vielen Betrieben, auch wenn ein für den 18. August angekündigter Generalstreik nicht den erwünschten Umfang und Erfolg hatte. Sie bestreikten zumindest zeitweise eine bemerkenswerte Zahl wichtiger Betriebe, darunter Belaruskali, Grodno Azot, die Ölraffinerie Naftan, 1
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2021
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