FES BRIEFING BOSNIEN UND HERZEGOWINA Gewerkschaftsmonitor März 2020 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Auch eineinhalb Jahre nach den Parlamentswahlen im Oktober 2018 waren die unterschiedlichen Regierungsbildungsprozesse in Bosnien und Herzegowina noch nicht abgeschlossen(Stand März 2020). Die gesamtstaatliche Ebene erhielt erst 15 Monate nach den Wahlen eine neue Regierung, während in der Föderation Bosnien und Herzegowina weiterhin die alte Regierung geschäftsführend im Amt ist. Nahezu alle Aufmerksamkeit galt und gilt daher seit vielen Monaten den Regierungsbildungsprozessen, weshalb dringende sozio-ökonomische Reformen, für die es enormen Bedarf gibt, auf der Agenda politischer Entscheidungsträger_innen einmal mehr vernachlässigt werden. In einem Land mit 14 Regierungen auf unterschiedlichen Ebenen und einem politischen System, das geradezu dazu einlädt, unterschiedliche Blockademechanismen für die Dominanz der eigenen»ethnisch« definierten Gruppe anzuwenden, ist die Durchsetzbarkeit von Reformen extrem schwierig. Die im Oktober 2020 anstehenden Kommunalwahlen haben das Land erneut in einen Vorwahlmodus versetzt. Themen, die dazu dienen, Angst zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen zu schüren und die eigenen Wähler_innen zu mobilisieren, bestimmen die politische Agenda. Die realen wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und politischen Probleme bleiben weitgehend unthematisiert. Parallel zur Befassung mit ethnonational definierten politischen Scheinthemen, stellen unterschiedliche besorgniserregende Entwicklungen Bosnien und Herzegowina vor enorm große Herausforderungen. Ein Beispiel dafür ist der massive Abwanderungstrend, der den ohnehin bereits vorhandenen Fachkräftemangel weiter verstärken und die Stabilität des Gesundheits- und Rentenfonds in naher Zukunft negativ beeinflussen wird. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Bis heute haben es die Gewerkschaften in Bosnien und Herzegowina nicht geschafft, eine gestaltende Rolle in wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidungsprozessen einzunehmen. Die Schattenwirtschaft blüht und macht relevanten Schätzungen zufolge 25 Prozent des GDPs aus. Dadurch gehen bis zu 1,5 Mrd. EUR an Steuergeldern verloren. Die Arbeitslosigkeit betrug im Jahr 2019 laut ILO 21,2 Prozent und die Jugendarbeitslosigkeit 47,4 Prozent. Der durchschnittliche Nettolohn beträgt ca. 415 Euro, der durchschnittliche Verbraucher_innenkorb, den die Gewerkschaften monatlich errechnen, ca. 980 Euro. Demzufolge bedarf es mehr als zwei durchschnittlicher Nettolöhne, um den Verbraucher_innenkorb zu decken. Für ein realistisches Bild kommt hinzu, dass der Durchschnittslohn aufgrund der im staatlichen Sektor gezahlten Löhne relativ hoch ausfällt. 45 Prozent der Arbeiter_ innen verdienen jedoch weniger als 250 Euro und 73 Prozent leben mit einem Einkommen von weniger als 400 Euro in relativer Armut. Mit großer Mühe haben es die Gewerkschaften in der Republika Srpska geschafft, den im Allgemeinen Tarifvertrag festgelegten Mindestlohn von 225 Euro auf 260 Euro zu erhöhen. Die festgelegte Mindestrente von ca. 185 Euro wird an über 60 Prozent der Rentner_innen ausgezahlt, was sie in eine Situation der absoluten Armut bringt. Über 95 Prozent der Rentner_innen erhalten eine Rente, die niedriger als 400 Euro ist, wodurch diese Gesellschaftsgruppe, ähnlich wie insbesondere auch die nicht im staatlichen Sektor beschäftigten Arbeitnehmer_innen, in die relative Armut gedrängt werden. Die in diesen wenigen Zahlen zum Ausdruck kommenden ökonomischen und sozialen Realitäten verdeutlichen, wie dringend starke und einflussreiche Gewerkschaften in Bosnien und Herzegowina benötigt werden. GEWERKSCHAFTSPOLITISCHER KONTEXT Die Gewerkschaften sehen sich in Bosnien und Herzegowina insbesondere seit 2015 einem kontinuierlichen Druck ausgesetzt. Die öffentliche Wahrnehmung zeugt davon, dass sie es nicht schaffen, als gleichberechtigter, respektierter Sozialpartner wahrgenommen zu werden. Sie sind mit der Bewältigung einer Vielzahl paralleler Herausforderungen konfrontiert. Sie 1
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2020
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