FES BRIEFING CHILE Gewerkschaftsmonitor November 2023 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Seit einem halben Jahrhundert hält Chile an einem in der Pinochet-Diktatur eingeführten Modell der Arbeitsbeziehungen fest, das zwar in wichtigen Aspekten reformiert wurde, aber immer noch die Macht gewerkschaftlicher Akteure einschränkt. Rechtsformen wie die»Multirut« – die Möglichkeit, Unternehmen in verschiedene Rechtspersönlichkeiten aufzuteilen – haben neben weiteren Faktoren zum Stagnieren des gewerkschaftlichen Organisationsgrades und zur Fragmentierung der Gewerkschaftsbewegung geführt. Aufeinanderfolgende demokratische Regierungen haben in den letzten Jahrzehnten mit Reformen unter anderem für eine Verkürzung der Arbeitszeit, eine Erhöhung des Mindestlohns, die Einführung einer Arbeitslosenversicherung, die Einschränkung von Kündigungen, die Verbesserung der arbeitsgerichtlichen Verfahren und die Stärkung des Streikrechts gesorgt. Darüber hinaus sah der im Jahr 2022 zur Abstimmung gestellte Entwurf für eine neue Verfassung umfassendere soziale Absicherung und die Stärkung von Arbeitsrechten vor. Dieser Entwurf scheiterte jedoch in einem Referendum. Ein neuer Verfassungsprozess, der bis Dezember 2023 stattfindet, gibt aufgrund der entscheidenden Rolle der extrem rechten Republikaner im Verfassungsrat wenig Anlass zur Hoffnung auf substanzielle Veränderungen zugunsten von Arbeitnehmer_innen und Gewerkschaften. In der aktuellen Regierungsperiode des progressiven Präsidenten Gabriel Boric nehmen arbeits- und sozialpolitische Themen einen wichtigen Stellenwert ein, wobei die Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden, die Stärkung der Arbeitslosenversicherung und die Reform des Rentensystems hervorzuheben sind. Ein Gesetzentwurf zur Einführung von sektoralen Tarifverhandlungen wurde ebenfalls angekündigt, hat aber geringere Erfolgsaussichten. Im Bereich der Arbeitspolitik wurden mehrere Programme gestärkt, um das Beschäftigungsniveau von jungen Menschen und Frauen zu erhöhen, die während der Corona-Pandemie stark betroffen waren. In diesem Sinne zielen kürzlich verabschiedete Gesetze darauf ab, neue Akteure in den Arbeitsmarkt zu integrieren und die Arbeitsbedingungen für LGBTIQ+ und für Menschen im Autismus-Spektrum zu sichern. Ein weiterhin bestehendes Problem ist die Formalisierung von Arbeitsverhältnissen im digitalen Dienstleistungssektor. Ein entsprechendes Gesetz, dessen Umsetzung noch aussteht, verpflichtet Unternehmen dazu, Arbeitsverträge mit unabhängigen Arbeitnehmer_innen(Dienstleister_innen) oder abhängigen Arbeitnehmer_innen zu schließen, wenn dies von einem Arbeitsgericht beschlossen wird. Die Gesamtzahl dieser Arbeitnehmer_innen beläuft sich auf ca. 221 000, fast 2,5 Prozent der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung des Landes. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Chile ist nach wie vor ein Bergbauland, das Rohstoffe ausbeutet und exportiert. Jahrzehntelang war die Kupferindustrie der wichtigste Industriezweig des Landes und Haupteinnahmequelle des Staates. Im Jahr 2022 wurde diese jedoch von staatlichen Einnahmen aus Lithiumabbauverträgen abgelöst, was voraussichtlich noch mindestens ein Jahrzehnt anhalten wird. Im April 2023 wurde die nationale Lithiumstrategie vorgestellt, die neben der Gewinnung des Minerals auch Maßnahmen zu dessen Verarbeitung in Komponenten und Batterien zur Steigerung der Wertschöpfung vorsieht. Schätzungen der Regierung sehen jährliche Einnahmen von mehr als fünf Milliarden US-Dollar aus der Lithiumgewinnung, was etwa 1,6 Prozent des chilenischen BIP und 6,4 Prozent der Steuereinnahmen entspricht. Des Weiteren besteht ein enormes Entwicklungspotenzial im Ausbau erneuerbarer Energien, wie Solar- und Windenergie oder der Produktion grünen Wasserstoffs. Um der wachsenden internationalen Nachfrage nachzukommen, bedarf es jedoch politischer Weichenstellungen und Investitionen. Weitere starke Wirtschaftszweige in Chile sind der Dienstleistungssektor, z. B. Hotellerie und Restaurants, 1
Jahrgang
2023
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