FES BRIEFING ECUADOR Gewerkschaftsmonitor April 2024 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG In den letzten Jahrzehnten ist in Ecuador eine fortschreitende Schwächung der Gewerkschaftsbewegung sowie ein Abbau der Arbeits- und Gewerkschaftsrechte festzustellen. Im Zeitraum von 2007 bis 2017, der Periode der(correistischen) Regierungen unter Präsident Rafael Correa, wurden zwar einige Fortschritte im Bereich der individuellen Rechte von Arbeitnehmer_innen erzielt: So gelang im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs auf Basis eines staatszentrierten Entwicklungsmodells, welches zunächst durch den globalen Rohstoffpreisboom und später durch Schulden finanziert wurde, ein signifikanter Zuwachs an formeller Beschäftigung und damit eine Ausweitung sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse. Anders als in anderen Ländern der Region zu Zeiten der»pinken« Welle progressiver Regierungen verfolgten die Regierungen unter Rafael Correa jedoch keine gewerkschaftsfreundliche Politik. Stattdessen wurden die Spaltungen innerhalb der Gewerkschaftslandschaft befördert und gewerkschaftliche Rechte eingeschränkt, insbesondere im Bereich des Vereinigungsrechts. Die bereits seit Ende der 1980er-Jahre abnehmende Bedeutung der Gewerkschaften und ihre schwindende Organisationskraft nahmen in diesem Zeitraum weiter ab. Nach den Wahlerfolgen der konservativen und marktliberalen politischen Kräfte seit 2018 setzten die Regierungen unter Lenín Moreno und später Guillermo Lasso einen Wandel des Wirtschafts- und Akkumulationsmodells durch, insbesondere zugunsten des Finanz- und Importsektors. Neben einer Austeritätspolitik zählten Steuerreformen, die insbesondere(Groß-)Kapital begünstigten, eine fortschreitende Handelsliberalisierung und die Aufweichung der Rechte von Arbeitnehmer_innen zu den wichtigsten wirtschaftspolitischen Maßnahmen dieser Zeit. Trotz der theoretischen Mehrheit »progressiver« Parteien in der Nationalversammlung nach den Wahlen 2021 gelang es der Revolución Ciudadana(RC, nach Rafael Correa auch»Correismo« genannt), der indigenen Partei Pachakutik(PK) und der zentristischen Izquierda Democrática(ID) nicht, einen programmatischen Konsens über Reformprojekte zur Ausweitung der Rechte von Arbeiter_innen und Gewerkschaften zu erzielen. Abseits der historischen Konflikte zwischen diesen Parteien und dem grundsätzlichen Bestreben der Exekutive, zumindest taktische legislative Mehrheiten zu bilden bzw. einzelne Mitglieder oder Teile der Parteifraktionen auf ihre Seite zu ziehen, scheiterte ein Konsens in programmatischen Fragen auch an den unterschiedlichen Prioritäten der Parteien. Die RC ordnete dem Bestreben, juristische Urteile und laufende Gerichtsprozesse gegen Führungsmitglieder aufzuheben oder zu beenden, anderen Themen unter, während die Spaltung der PK und ID in einen regierungsnahen und einen oppositionellen Teil die sozio-ökonomischen Reformversprechen dieser Akteure schwächte. Angesichts dieser Dynamiken wurde die Gelegenheit, die Rechte von Arbeiter_innen und Gewerkschaften in der Legislative zu verteidigen und auszuweiten, vertan. Stattdessen schränkten die Gesetzesänderungen und Reformen der letzten beiden Regierungen die Arbeitsrechte weiter ein. So wurden die rechtlichen Grundlagen geschaffen, um neue Formen prekärer Arbeitsverhältnisse, Lohnkürzungen und die Vermeidung von Abfindungszahlungen unter bestimmten Bedingungen zu ermöglichen, insbesondere während der Corona-Pandemie. Auf Basis dieser Reformen erfolgte zudem die Entlassung von bis zu zehn Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Darüber hinaus verhinderten die Regierungen jegliche neuen Formen der gewerkschaftlichen Organisation, insbesondere die Gewerkschaftsorganisation nach Branchen. Nach der Auflösung der Nationalversammlung durch Präsident Lasso im Mai 2023 kam es im August und Oktober 2023 zu vorgezogenen Neuwahlen für die Legislative und Exekutive. In der Wahl zum Präsidentenamt setzte sich überraschend der konservative und marktliberale Kandidat Daniel Noboa durch, der für das neue Parteienbündnis Acción Democrática Nacional(ADN) antrat und Ende November 2023 vereidigt wurde. Die Präsidentschaft des erst 36-jährigen 1
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