FES BRIEFING ESTLAND Gewerkschaftsmonitor Februar 2021 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Das zurückliegende Jahr 2020 war politisch in Estland durch zwei Hauptfaktoren bestimmt: Auf der einen Seite rang das Land ähnlich wie seine europäischen Nachbarn mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Covid-19 Pandemie. Gleichzeitig stand die Umsetzung des Koalitionsvertrages der im April 2019 neu angetretenen Regierung bestehend aus liberaler Zentrumspartei, der rechtspopulistischen Estnischen Konservativen Volkspartei(EKRE) und der konservativen Vaterlandspartei(Isamaa) auf der Agenda. Positiv hervorzuheben ist bei der umstrittenen Regierung zunächst einmal, dass der im Mai 2018 nach fast zehnjähriger Pause von der Vorgängerregierung wiederaufgenommene Soziale Dialog fortgeführt wurde. Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände setzten Beratungen zu arbeits- und sozialpolitischen Fragen unter Leitung des Ministerpräsidenten fort. Die Funktion des Dialogs wird vonseiten der Regierung gleichwohl anders ausgefüllt als ursprünglich vorgesehen. Wurden im Zeitraum von 1991 bis zur Aussetzung des Sozialdialogs 2003 insgesamt 18 tripartite Abkommen geschlossen, scheint die Institution derzeit ein reines Instrument für den Informations- und Meinungsaustausch zu sein. Zwischen Frühjahr 2019 und November 2020 fanden im Büro des Premierministers insgesamt vier derartige Treffen statt: im Juni 2019 eine Besprechung zur Arbeitsmarktsituation, insbesondere mit Blick auf den Fachkräftemangel, im Januar 2020 zur Flexibilisierung von Arbeitsbeziehungen und möglicher gesetzlicher Änderungen in dem Feld sowie im Mai 2020 zu geplanten Maßnahmen zur wirtschaftlichen Erholung nach der Corona-Krise. Außerdem informierte die Regierung die Sozialpartner im Oktober 2020 über die für 2021 bis 2024 geplanten Investitionen sowie über ihre Überlegungen und Pläne zur Verwendung der im EU-Programm Recovery Assistance for Cohesion and the Territories of Europe vorgesehenen Mittel. Ebenso wurden die Prioritäten für die Umsetzung der Maßnahmen im Rahmen des EU Just Transition Fund diskutiert. Bei der Bewältigung der wirtschaftlichen Folgen der CoronaPandemie konnten sich Vertreter der Sozialpartner einbringen und hatten einen gewissen Einfluss auf deren Ausgestaltung. Als gemeinhin erfolgreichste Maßnahme wurde die Einführung von Arbeitsmarktmaßnahmen und einer Art Kurzarbeitergeld maßgeblich von den Vertretern der Sozialpartner entworfen, die im Vorstand der als öffentlich-rechtliche Körperschaft organisierten Arbeitslosenversicherung zusammenarbeiteten. Obwohl die estnische Regierung tief greifende Änderungen am estnischen Sozialmodel vornahm, gingen diesen Entscheidungen weder größere öffentliche Debatten noch eine Beteiligung der Sozialpartner voraus. Neben einigen Änderungen bei Fragen der sozialen Absicherung sowie der allgemeinen Organisation des Arbeitsmarktes war vor allem die Abschaffung der bis dato obligatorischen dritten Säule des estnischen Rentensystems im November 2019 hoch umstritten. Mit ihr entfällt der Zwang zur Eigenaltersvorsorge für Arbeitnehmer_innen, die darüber hinaus sich auch bereits angesparte Ansprüche ohne Pflicht zur Kompensation auszahlen lassen konnten. Bedenken der estnischen Nationalbank und verschiedener internationaler Institutionen wurden ebenso beiseite gewischt wie Einwände der Gewerkschaften. Die so umgesetzte»Rentenreform« war eines der Kernwahlkampfversprechen des kleinsten Regierungspartners, der konservativen Isamaa, und als solches im Koalitionsvertrag verankert. Nach einem ähnlichen Muster verfuhr die Regierung nach Ausrufung des Ausnahmezustands im Zuge der Corona-Pandemie im März 2019. Den Wahlkampfversprechen von EKRE folgend wurde die Erteilung von Arbeitsvisas für Saison- und Kurzarbeiter_innen aus Drittstaaten kurzerhand ausgesetzt, ohne sich um Einwände oder Bedenken zu scheren. Es entstand der Eindruck, dass die Corona-Krise als Vorwand für eine von der Regierung eh schon angestrebte Maßnahme herhalten musste. Am 13. Januar 2021 trat Ministerpräsident Jüri Ratas von seinem Amt zurück, was nach estnischem Recht den Rücktritt der gesamten Regierung zufolge hat. Auslöser hierfür war ein Korruptions- und Parteispendenskandal, in 1
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2021
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