FES BRIEFING FINNLAND Gewerkschaftsmonitor Juli 2023 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Anfang April 2023 fanden die letzten Parlamentswahlen statt und Sanna Marins sozialdemokratische Regierungskoalition wurde abgewählt. Wie bereits 2019 und von den Wahlumfragen richtig prognostiziert, kam es erneut zu einem nervenaufreibenden Kopf-an-Kopf-Rennen der drei großen Parteien(Sozialdemokraten, Nationale Koalitionspartei, Die Finnen). Letztlich erzielte die Nationale Koalitionspartei mit 20,8 Prozent die meisten Stimmen, dicht gefolgt von den rechtspopulistischen Die Finnen mit 20,1 Prozent. Dann erst folgten die Sozialdemokraten mit 19,9 Prozent als Drittplatzierte. Obwohl die Regierungskoalition unter sozialdemokratischer Führung abgewählt wurde, verzeichnete die Sozialdemokratie 2,2 Prozent Stimmenzuwachs. Es gelang der weltweit beliebten Sanna Marin also durchaus, neue Wähler*innen zu mobilisieren; für eine amtierende Ministerpräsidentin in Finnland gilt das als beachtliche Ausnahme. Allerdings polarisierte die linke Sozialdemokratin auch unter den Rechten, Konservativen und Liberalen. Deshalb waren am Ende die Finnen (+2,6 Prozent) und besonders die Nationale Koalitionspartei (+3,8 Prozent) erfolgreicher. Die Parteivorsitzende der Finnen bekam für ihr Mandat mehr direkte Stimmen als Sanna Marin und war der neue Wähler*innenmagnet. Die Wahlsieger gewannen die konservativ-rechte Mehrheit ausgerechnet mit dem Versprechen, inmitten globaler Krisen zur Austeritätspolitik zurückzukehren. Dabei hatte diese zur Abwahl Juha Sipiläs(Marins liberalem Vorgänger) und der ersten Mitte-Rechts-Regierung geführt. Bereits im Wahlkampf warben Konservative, Rechte und Liberale gemeinsam für einen wirtschaftspolitischen Richtungswechsel und umfangreiche Einsparungen bei den Sozialausgaben. Die Angst vor einer hohen Staatsverschuldung sowie dem individuellen wirtschaftlichen Abstieg gilt bei vielen Wähler*innen als Hauptmotiv für den Richtungswechsel. Dabei lag die finnische Staatsverschuldung zum Zeitpunkt der Wahl nur knapp über dem europäischen Durchschnittswert. Sie ist allerdings ein Traditionsthema in jedem Wahlkampf. Die konservativen Wahlsieger bekamen den Regierungsauftrag und wählten sich als Koalitionspartner unter anderem die rechtsradikalen Finnen. Eine Koalitionsmöglichkeit, die sie bereits aus taktischem Kalkül im Wahlkampf nicht ausgeschlossen hatten. Die neue Koalition droht nun, Errungenschaften der Sozial-, Bildungs- und Klimapolitik der Regierung Marin zurückzudrehen. Der Parteivorsitzende der konservativen nationalen Sammlungspartei Petteri Orpo stellte bereits in den Koalitionsverhandlungen fest, dass es erhebliche inhaltliche Differenzen gibt, etwa bei Einwanderungspolitik und Klimaschutz. Erst Mitte Juni 2023 einigte sich die neue Regierung unter dem neuen Ministerpräsidenten Orpo mit den rechtspopulistischen»Finnen«, den liberal-konservativen Christdemokraten(EVP) und der liberalen Schwedischen Volkspartei(Renew, die die Agenda einer schwedischen Minderheit in Finnland vertritt). Nach den schweren Koalitionsverhandlungen hatte die Regierung einen holprigen Start. Die ersten Wochen sind geprägt von einem Misstrauensantrag gegen den rechtsradikalen Wirtschaftsminister, dessen Rücktritt sowie einem kontinuierlichen Machtwettkampf zwischen Konservativen und »Finnen«. Dabei ist auffällig, wie selbstbewusst die»Finnen« auftreten. Beachtlich ist auch, dass erst nach der Wahl eine intensive öffentliche Diskussion darüber begonnen hat, wie kontrovers das Personal der»Finnen« sich z. T. in der Vergangenheit geäußert hat, bzw. wie radikal die Einstellungen und Politikvorschläge der Finnen sein werden. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Wie bei allen Volkswirtschaften haben die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und die resultierende Energiekrise Spuren in Finnlands ökonomischer Entwicklung hinterlassen. Finnland ist eines der Länder, das mit den geringsten Blessuren durch die von der Pandemie verursachten ökonomischen Tur1
Jahrgang
2023
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