FES BRIEFING FRANKREICH Gewerkschaftsmonitor August 2024 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Nach den Wahlen 2022 hat der Umbruch, den das politische System Frankreichs seit 2017 erfährt, eine neue Dimension erreicht. Der Rechtsextremismus setzt seinen Vormarsch unbeirrt fort, während die sich verschärfende Polarisierung die Regierung an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht hat. Nachdem der amtierende Präsident Emmanuel Macron die Stichwahl gegen die rechtspopulistische Spitzenkandidatin Marine Le Pen für sich entscheiden konnte, verfehlte die Präsidentenpartei Renaissance und ihre Verbündeten bei den darauffolgenden Parlamentswahlen die absolute Mehrheit der Sitze in der Nationalversammlung. So musste Macron eine Minderheitsregierung bilden, die zur Verabschiedung ihrer Gesetzentwürfe auf die Unterstützung von über 40 Stimmen aus dem Oppositionslager angewiesen ist. Der Grund für diese historische Wahlschlappe liegt darin, dass die Wähler_innen eine absolute Machtkonzentration in den Händen des Präsidenten verhindern wollten. Aber auch die umstrittene Entscheidung von Renaissance, den bisherigen Parteienzusammenschluss gegen den rechtspopulistischen Rassemblement National(RN), den»front répuplicain«, aufzukündigen, erwies sich als Eigentor. Denn in diesem einerseits von Verbitterung über das politische System und andererseits von Sorglosigkeit gegenüber den politischen Gefahren geprägten Kontext erreichte die Wahlbeteiligung einen historischen Tiefstand(46 Prozent). Dies ermöglichte, dass der RN mit 89 (mittlerweile 87) Abgeordneten die stärkste Oppositionsfraktion wurde. Dies ist nicht nur ein Armutszeugnis für die classepolitique in Frankreich, sondern auch ein weiteres Alarmsignal für die demokratische Zukunft des Landes. Gleich zu Beginn von Macrons zweiter Amtszeit ist die politische Legitimität der Exekutive dermaßen geschwächt, dass die politisch-institutionelle Blockade aktuell unüberwindbar erscheint. In der Konsequenz haben autoritäre Tendenzen in der Exekutive zugenommen, sei es beim Umgang mit Demonstrationsrechten und unabhängigen Verbänden oder im Gesetzgebungsprozess. Auch wenn die konservativ-bürgerliche Fraktion Les Républicains(LR) Teile des wirtschaftsliberalen Regierungsprogramms(wie z. B. das Kaufkraftpaket und die Reform des Arbeitslosensystems) zeitweilig mittrug, hat sie das Angebot des Präsidenten, in eine Regierungskoalition einzugehen, bislang rundweg abgelehnt. In der Nationalversammlung verhinderten Schaukämpfe zwischen den politischen Lagern Kompromisslösungen zur Verabschiedung wichtiger Gesetzespakete, während Provokationen, hauptsächlich ausgehend von der linkspopulistischen La France Insoumise(LFI), und die Abwertung der jeweils anderen Position ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen haben. Der Streit um die Rentenreform verleitete die Minderheitsregierung dazu, auf eine noch massivere Einschränkung von parlamentarischen Einwirkungsmöglichkeiten zu setzen. Dass die Regierung 17 Misstrauensanträge gewinnen konnte, täuscht nicht darüber hinweg, dass die Legitimität der Verfassungsorgane Frankreichs – und der von ihnen verabschiedeten Maßnahmen wie die Rentenreform – innerhalb von nur einem Jahr einen massiven Schaden genommen hat. Gleichwohl setzt der politisch isolierte Präsident darauf, sich durch Inszenierungsgeschick, neue Formate der Bürgerbeteiligung und die Nutzung von Verordnungen neuen Handlungsspielraum zu verschaffen. Reformen in den Bereichen Schulwesen, industrielle Souveränität, Klimapolitik und Sozialstaat stehen auf der Agenda. Gefangen in einem endlosen Radikalisierungsprozess, sehen die planlosen Republikaner im von der Regierung geplanten, restriktiven Zuwanderungsgesetz die Gelegenheit, den Präsidenten vor sich herzutreiben. Der rechtspopulistische RN hingegen setzt in der Nationalversammlung seine Strategie der Selbstverharmlosung geräuschlos und erfolgreich fort, welche die LR- und Regierungsfraktionen einerseits sowie die LFI-Fraktion andererseits mit gefördert haben. Bestenfalls gemischt fällt die Bilanz für das neue linke Wahlbündnis aus der radikalen Linken von La France Insoumise, den Sozialisten, der ökologischen Partei EELV und den Kommunisten aus: Zwar hat die Koalitionsbildung dazu beigetragen, dass die Fraktionsstärke der vier Parteien mit insgesamt 1
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2024
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