FES BRIEFING GRIECHENLAND Gewerkschaftsmonitor April 2019 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Im August 2018 hat Griechenland das dritte Hilfsprogramm verlassen und steht seither finanzpolitisch wieder auf eigenen Beinen, wenn auch noch immer unter wachsamer Aufsicht seiner Gläubiger. Die tiefgehende wirtschaftliche Krise der vergangenen zehn Jahre hat sich massiv auf Gesellschaft und das politische System ausgewirkt, auch die Gewerkschaften sind empfindlich geschwächt. Die Hoffnung auf einen umfassenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Neuanfang nach den langen Krisenjahren hat sich schon lange verflüchtigt. Das politische System leidet unter wachsender Polarisierung. Dabei stehen populistische Diffamierung des politischen Gegners im Vordergrund, nicht aber eine parteiübergreifende Einigung auf Strategien für die Gestaltung der Zukunft des Landes. Das Ansehen der politischen Klasse insgesamt ist beschädigt, niemand im Land schenkt ihr noch Vertrauen. Die Parteienlandschaft ist gekennzeichnet durch die Fragmentierung der politischen Mitte sowie durch eine Polarisierung der rechten und linken Ränder. Diese Tendenzen werden im diesjährigen Superwahljahr – Kommunal- und Europawahlen Ende Mai 2019, Parlamentswahlen vermutlich im Oktober 2019 – noch verstärkt. Die regierende SYRIZA-Partei von Ministerpräsident Tsipras verfügt nach dem Austritt der rechtspopulistischen ANEL-Partei aus der Regerierungskoalition lediglich über 145 von 300 Mandaten und kann sich bei Abstimmungen nur noch auf wechselnde Bündnisse mit fraktionslosen Abgeordneten stützen. Grund für den Rückzug von ANEL war die Ratifizierung des Prespa-Abkommen zur Beilegung des Namensstreits mit(Nord-)Mazedonien. Die monatelang emotional aufgeheizte Debatte um das Abkommen hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die griechischen Parteien. Sie führte zum Zerfall des sozialdemokratischen Lagers, das sich gerade erst als»Bewegung des Wandels«(KINAL) neu formiert hatte. Neben der sozialdemokratischen PASOK und einigen Kleinstparteien war die Mitwirkung der sozialliberalen Partei TO POTAMI von hoher symbolischer Bedeutung. Diese Partei ist mittlerweile wieder aus dem Bündnis ausgetreten, Grund waren Streitigkeiten um den autoritären Führungsstil der Vorsitzenden Fofi Gennimata und die Position zum Namensabkommen. Der verbliebene Rumpf von KINAL ist seither gespalten. SYRIZA verliert zunehmend an Rückhalt unter den Wähler_innen, auch innerparteilich gibt es erbitterte Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Lagern der Partei. Viele Menschen, die sich von dem Sieg Tsipras’ 2015 ein Ende von Sparmaßnahmen und Sparprogrammen erhofft hatten, haben sich inzwischen enttäuscht von ihm abgewandt. Davon profitiert die größte Oppositionspartei, die konservative Nea Dimokratia(ND) unter Parteiführer Kyriakos Mitsotakis. Doch auch sie wird im Falle eines Wahlsieges vermutlich nicht alleine regieren können. Fakt ist, dass keine der Parteien konsistente Pläne für die Zukunftsfähigkeit des Landes vorlegt. Das Jahr 2019 steht im Zeichen eines populistisch geführten Dauerwahlkampfes, der bereits mit dem Austritt aus dem dritten Hilfsprogramm im August 2018 begonnen hat. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Nach Jahren der Rezession erholt sich die griechische Wirtschaft inzwischen, wenngleich nur zögerlich. Die Wachstumsprognosen für 2019 sind mit 2 bis 2,5 Prozent verhalten, bei den Menschen ist der zarte Aufschwung bisher kaum angekommen. Bis 2022 muss Griechenland einen jährlichen Primärüberschuss von 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung ausweisen, die schrittweisen Schuldenerleichterungen sind an diese Kondition geknüpft. Acht Jahre nach dem ersten Rettungspaket betragen die griechischen Schulden 190 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, weiterhin die höchste Staatsschuldenquote in der Euro-Zone. Es fehlen nach wie vor tiefgreifende Reformen, die Griechenland als Investitionsstandort attraktiv machen: eine moderne, 1
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2019
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