FES BRIEFING GUATEMALA Gewerkschaftsmonitor Mai 2024 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG titutionen in den Gewerkschaften zurückgeführt. Das Verhältnis der drei wichtigsten Dachverbände zur neuen Regierung muss insofern als ausbaufähig betrachtet werden. Nach Jahren konservativer und korrupter Regierungen schürt der überraschende Wahlsieg des Sozialdemokraten Bernardo Arévalo von der Partei Movimiento Semilla(MS) bei den Präsidentschaftswahlen 2023 die Hoffnungen auf ein demokratischeres und sozial gerechteres Guatemala. Die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen für die Gewerkschaftsbewegung bleiben aber auch nach seinem Amtsantritt am 14. Januar 2024 gewaltig. Die junge und akademisch geprägte Partei des neuen Präsidenten setzt sich laut Wahlprogramm unter anderem für bessere Arbeitsbedingungen und stärkere Rechte für Arbeitnehmer_innen ein. Die Regierung Arévalo hat im Kongress jedoch keine feste Mehrheit, sodass sämtliche Gesetzesvorhaben durch Kompromisse mit etablierten, meist konservativen Parteien und Politiker_innen ausgehandelt werden müssen. Über eine starke gewerkschaftliche Basis verfügt die MS nicht. In der Übergangsperiode zwischen der Wahl 2023 und dem Amtsantritt Arévalos versuchte die alte Elite um den sogenannten»Pakt der Korrupten«, dessen Amtsantritt mit allen Mitteln zu verhindern. Nur der anhaltende Protest der indigenen Bewegung und der große internationale Druck konnten das demokratische Wahlergebnis letztlich absichern. Die nicht absetzbare Generalstaatsanwältin sowie die Staatsanwaltschaft(Ministerio Público) setzen ihren Kampf gegen die neue Regierung jedoch fort. Die MS ist aufgrund fadenscheiniger Vorwürfe der Staatsanwaltschaft bis auf Weiteres suspendiert, was ihre Arbeitsfähigkeit in Parlament und Öffentlichkeit massiv beeinträchtigt. Die guatemaltekische Gewerkschaftsbewegung hielt sich trotz ihrer – zumindest in der Theorie – inhaltlichen Nähe zum neuen Präsidenten im Kampf um die Demokratie sichtbar zurück. Dies wird unter anderem auf das starke Gewicht von öffentlichen Angestellten verschiedener RegierungsinsWIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Laut dem»Better Jobs Index« der Interamerikanischen Entwicklungsbank(IDB) ist Guatemala das Land mit den schlechtesten Arbeitsbedingungen und dem größten Geschlechtergefälle der Region. Auch dem Global Rights Index des Internationalen Gewerkschaftsbundes(IGB) zufolge gehört Guatemala zu den zehn Ländern mit den weltweit schlechtesten Arbeitsbedingungen. Arbeitsrechte sind nicht garantiert und Arbeitnehmer_innen sind unlauteren Arbeitspraktiken ausgesetzt, ohne sich rechtlich dagegen wehren zu können. Ein Indikator hierfür sind die informellen Arbeitsverhältnisse, die vor allem in der Landwirtschaft, dem Handel, aber auch dem verarbeitenden Gewerbe bestehen. Für Frauen hat der Bereich der häuslichen Arbeit und Pflege eine besondere Bedeutung, da dieser Sektor fast vollständig der Informalität unterliegt und hohe Risiken für die Beschäftigten birgt. Geringe Löhne(ca. 30 % des gesetzlichen Mindestlohns), unentgeltliche Überstunden und keine soziale Absicherung wie Kranken- oder Rentenversicherung charakterisieren diese Beschäftigungsverhältnisse ebenso wie eine hohe Anfälligkeit für Missbrauch und moderne Formen der Sklaverei. Nach den Prognosen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) für das Jahr 2023 wird sich die seit der Corona-Pandemie herrschende Wirtschaftskrise weiterhin negativ auf die Arbeitswelt auswirken. So ist zu befürchten, dass die Anzahl der verfügbaren Arbeitsplätze weiterhin abnimmt, während sich deren Qualität gleichzeitig verringert. Infolgedessen wird sich die soziale Situation vulnerabler Gruppen(Jugendliche, Frauen, ältere Arbeitnehmer_innen, indigene Völker, LGBTQI) absehbar weiter verschlechtern. Das guatemaltekische Bruttoinlandsprodukt(BIP) wird vor allem von vier Produktionssektoren bestimmt, die zwei Drittel des BIP ausmachen: verarbeitendes Gewerbe, Groß- und Ein1
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2024
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