FES BRIEFING IRLAND Gewerkschaftsmonitor April 2022 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Wie in den meisten europäischen Ländern hat sich auch in Irland die politische Lage im letzten Jahrzehnt häufig verändert. Allerdings hat dies eine etwas andere Form angenommen als anderswo. Irland war eines der Länder, die nach dem Zusammenbruch des Banken- und Bausektors seit 2008 von der Finanzkrise am härtesten getroffen wurden. Das Land musste durch den IWF, die EZB und die Europäische Kommission(zusammen die»Troika«)»gerettet« werden. Bei der Parlamentswahl von 2011 erlitt die Regierungspartei Fianna Fáil, die traditionell größte politische Partei im Land, erhebliche Verluste. Die Nachfolgeregierung, eine Koalition aus Fine Gael(der traditionell zweitgrößten Partei) und der Labour Party(der dritten traditionellen Kraft in der irischen Politik), hatte die Aufgabe, den größten Teil der Sparmaßnahmen umzusetzen, die eine Bedingung für das finanzielle Unterstützungspaket der Troika waren. Dazu gehörten nicht nur starke Einschnitte bei den öffentlichen Ausgaben und der sozialen Sicherheit, sondern auch erhebliche Lohnkürzungen im öffentlichen Sektor. Nachdem das irische Bruttoinlandsprodukt(BIP) 2007 real noch mehr als fünf Prozent gestiegen war, sank es 2009 um denselben Wert. Die Arbeitslosenquote schoss von unter fünf Prozent im Januar 2007 auf über 15 Prozent im Januar 2012. Allerdings erholte sich die Wirtschaft schnell. Bis zur Wahl von 2016 hatte Irland dann das EU-IWF-Programm verlassen, die Arbeitslosigkeit war auf unter acht Prozent gefallen, das jährliche BIP-Wachstum lag bei über neun Prozent, und die öffentlichen Finanzen lagen solide im Rahmen der EU-Haushaltsziele. Die Wahl von 2016 führte zu keiner klaren Mehrheit für eine bestimmte Partei oder Koalitionsgruppe. Die Hauptverliererin war die Labour Party. Die Wähler_innen schienen ihr die Schuld für die Folgen der Sparmaßnahmen zu geben, und sie verlor massiv an Zuspruch. Fine Gael bildete eine Minderheitsregierung. Von 2016 bis zum Ausbruch der Covid-19-Pandemie wurde das politische Umfeld in Irland fast vollständig durch den Brexit dominiert. Das Land war von der der britischen Entscheidung, die EU zu verlassen, politisch, wirtschaftlich und kulturell am stärksten betroffen. Während sich die Wirtschaft weiter erholen konnte(Anfang 2020 fiel die Arbeitslosigkeit auf unter fünf Prozent), sorgte die Parlamentswahl vom Februar 2020 für einen neuen Schock, als die linksgerichtete Sinn Féin(die einzige politische Partei, die sowohl im Norden als auch im Süden Irlands aktiv ist) eine Rekordzahl von Sitzen gewinnen konnte – was letztlich zu einem dreifachen Patt zwischen den traditionellen(Mitte-/Mitte-Rechts-) Parteien der Fianna Fáil und Fine Gael sowie der Sinn Féin führte. Die Labour Party konnte nur weniger als fünf Prozent der Stimmen gewinnen. Das Patt führte dazu, dass Irland eine»Übergangsregierung« erhielt, bis die traditionellen Rivalen Fianna Fáil und Fine Gael im Juni 2020 mit Unterstützung der Grünen Partei eine neue Regierung bildeten. Diese Regierung hat in der Abteilung des Taoiseach(Premierminister) ein Referat für Sozialen Dialog geschaffen, um den sozialen Dialog zu koordinieren und neue Modelle sektoraler Beteiligung zu entwickeln. So bewegte sich Irland von einem wirtschaftlichen Boom (2000–2007) über einen wirtschaftlichen Zusammenbruch (2008–2015) und eine wirtschaftliche Erholung(2016– 2020) hin zu wirtschaftlicher Unsicherheit(Brexit/Covid-19). Bemerkenswert ist, dass Parteien mit rechtsextremen Programmen bei der Wahl von 2020 keine Unterstützung bekamen und stattdessen die Linke gestärkt wurde. Seit der Wahl erwies sich die Sinn Féin in Meinungsumfragen immer wieder als populärste Partei. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Wie oben erwähnt, war die wirtschaftliche Lage in Irland im letzten Jahrzehnt sehr wechselhaft. Obwohl die Wirtschaft und die öffentlichen Finanzen Anfang 2020(bei ge1
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2022
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