FES BRIEFING JEMEN Gewerkschaftsmonitor April 2024 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG auf indirekte Kriegsfolgen wie Mangelernährung, unsicheres Trinkwasser oder fehlende medizinische Behandlung zurück. Verstöße gegen basale Grund- und Menschenrechte gehören für viele Jemenit_innen zum traurigen Alltag. Die gescheiterte Transformation des 1990 aus der Jemenitischen Arabischen Republik(Nordjemen) und der Demokratischen Volksrepublik Jemen(Südjemen) hervorgegangenen Einheitsstaates in ein funktionales, inklusives und sozial gerechtes politisches System sowie der 2014 eskalierte Bürgerkrieg überlagern alle Aspekte des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens im Jemen. Mit der gewaltsamen Einnahme der Hauptstadt Sanaa durch die Huthi-Rebellen, die sich selbst»Ansar Allah«(Helfer Gottes) nennen, endete 2014 ein fragiler Transitionsprozess. Nach monatelangen Protesten im Rahmen des sogenannten Arabischen Frühlings 2011 hatte der seit 1978 autoritär herrschende Präsident Ali Abdullah Salih auf Druck mächtiger Nachbarstaaten wie Saudi-Arabien die Macht an seinen bisherigen Vizepräsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi abgeben müssen. In einer National Dialogue Conference (NDC) wurden im Januar 2014 zwar konkrete Reformen wie die Einführung eines föderalen Systems verabredet, der Prozess scheiterte allerdings daran, dass Kernforderungen zentraler Akteure wie den Huthis oder der Südbewegung, die sich für eine stärkere Autonomie bis hin zur Wiedererlangung der Eigenstaatlichkeit aussprach, nicht erfüllt werden konnten und wenige Monate später der Bürgerkrieg ausbrach. Hadi und seine Regierung wurden von den Huthis und Anhänger_innen Salihs aus Sanaa vertrieben und flüchteten nach heftigen Gefechten um die südliche Stadt Aden ins Exil nach Saudi-Arabien. Um den Status quo ante wiederherzustellen, begann 2015 eine von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten(VAE) geführte Militärintervention mit Blockaden und Bombardements jemenitischer Städte und wichtiger militärischer Einrichtungen, die zu einer dramatischen Zunahme ziviler Opfer führte, deren Zahl bis Februar 2023 auf mehr als 370.000 anstieg. Etwa 60 Prozent der Opfer gehen Der seit der 1990 vollzogenen Vereinigung der beiden jemenitischen Staaten schwelende Konflikt zwischen der Südbewegung, die eine Wiederherstellung südlicher Eigenstaatlichkeit anstrebt, und der Regierung spitzte sich im Laufe des Krieges weiter zu und eskalierte seit 2017 vor allem in Aden und anderen formal von der Regierung kontrollierten Provinzen immer wieder auch gewaltsam. Angefacht werden diese Spannungen durch Rivalitäten zwischen den VAE, welche die Südbewegung und den dort seit 2017 führenden Südlichen Übergangsrat(STC) unterstützen, sowie Saudi-Arabien als wichtigstem Verbündeten der Regierung und der den Muslimbrüdern nahestehenden Islah-Partei. Im Sommer 2022 kam es zu heftigen Gefechten zwischen STCund Islah-Milizen in der energiereichen Provinz Schabwa. Seit April 2022 herrscht ein nicht kodifizierter Waffenstillstand zwischen Saudi-Arabien und den Huthi-Rebellen, der die humanitäre Lage im Land, vor allem in von den Rebell_innen kontrollierten Gebieten, auch durch das Ende der Luftschläge und die Aufhebung von Seeblockaden leicht verbessert hat. Trotz weiterer vertrauensbildender Maßnahmen, wie dem Austausch von hunderten Gefangenen im April 2023, die auch im Kontext der jüngsten Entspannung des iranisch-saudischen Verhältnisses gesehen werden sollten, gibt es weiterhin keinen innerjemenitischen Friedensprozess, der eine politische Einigung und Wiederherstellung zentralstaatlicher und einheitlicher Regierungsführung herbeiführen könnte. Die Regierung spielt in den bilateralen Verhandlungen zwischen den Huthis und Saudi-Arabien keine signifikante Rolle, während die Huthis keine Bereitschaft signalisieren, ihre Macht mit der von ihnen als saudische Vasallen bezeichneten Regierung zu teilen. Zwar stellten sie Angriffe auf saudische oder emiratische Ziele ein, griffen im Oktober und November 2022 jedoch wiederholt kritische Infrastrukturen der Ölförderung in südlichen Provinzen an und setzten die Regierung so auch wirtschaftlich enorm unter Druck. Institutionen, 1
Jahrgang
2024
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten