FES BRIEFING KANADA Gewerkschaftsmonitor April 2020 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG durch eine beherzte Teilnahme an den TV-Debatten der Partei wohl zumindest noch den Fraktionsstatus gerettet hat. Das Jahr 2019 stand in Kanada ganz im Zeichen der Unterhauswahlen im Oktober. Die Regierung von Justin Trudeau hatte in den Jahren 2017 und 2018 zwar ein paar ihrer wichtigsten Wahlversprechen aus dem Jahr 2015 realisieren können, ging aber trotzdem durch mehrere Skandale tief angeschlagen in den Wahlkampf. Letztlich musste Trudeau seine Mehrheit im Parlament einbüßen(157 Unterhaussitze von insgesamt 338, minus 27), und ist nun auf die Unterstützung der ebenfalls angeschlagenen sozialdemokratischen New Democratic Party(24 Sitze, minus 20) oder des wiedererstarkten separatistischen Bloc Québécois(32 Sitze, plus 22) angewiesen. Vor allem in der Provinz Québec konnte die Liberale Partei eine Wiederauferstehung des separatistischen Bloc Québécois nicht abwehren, welcher nun wieder in voller Fraktionsstärke im kanadischen Bundesparlament vertreten ist. Der konservative Herausforderer Trudeaus, Andrew Scheer, konnte das Ergebnis seiner Partei zwar leicht verbessern, aber letztlich war er dem Popstar-Premierminister in allen Persönlichkeitswerten stark unterlegen. Die New Democratic Party(NDP) konnte von dem schwächeren Abschneiden der Liberalen allerdings nicht profitieren. Sie verlor ebenfalls stark in der Provinz Québec(fünfzehn der dort bisher sechzehn Sitze), und hat insgesamt fast die Hälfte ihrer im Jahr 2015 gewonnenen Sitze im Unterhaus in Ottawa eingebüßt. Die Grüne Partei schaffte auch dieses Mal den erhofften Durchbruch nicht und bleibt nach wie vor mit nur drei Sitzen ohne Fraktionsstatus im Bundesparlament. Die rechtspopulistische People’s Party of Canada konnte keine Sitze gewinnen. Seit der Wahl im Herbst 2019 haben sowohl die Vorsitzende der Grünen, Elizabeth May, als auch Oppositionsführer Andrew Scheer ihren Rückzug von ihrer jeweiligen Parteispitze angekündigt bzw. bereits vollzogen. Der Vorsitzende der NDP, Jagmeet Singh, bleibt hingegen im Amt, da er WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Während 2019 noch ganz im Zeichen eines kontinuierlichen wirtschaftlichen Aufschwungs gestanden hatte, stehen nunmehr wie überall auf der Welt – wegen der Corona-Krise – die Zeichen auf Sturm. Der lange wirtschaftliche Aufschwung in den USA seit der zweiten Obama-Amtszeit sowie der schwache kanadische Dollar war den Kanadier_innen zu Gute gekommen, und die Arbeitslosigkeit war schrittweise von einem Hoch von etwa 8,5 Prozent im Jahr 2010 bis auf etwa fünf Prozent im Herbst 2019 zurückgegangen. Zudem wurde das Wirtschaftswachstum durch das stetige Bevölkerungswachstum(mittels Einwanderung jährlich etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung) getragen. Dabei kam es im Jahre 2019 durchaus zu Engpässen auf dem Arbeitsmarkt, den letztlich auch die Arbeitnehmer_innen für das Erlangen besserer Löhne und Arbeitsbedingungen nutzen konnten. So stiegen die Mindestlöhne in den meisten Provinzen zuletzt kräftig(23 Prozent Anstieg über vier Jahre in Ontario, 22 Prozent in Québec), und mehrere Provinzen und Territorien sind inzwischen den gewerkschaftlichen Forderungen nach einem Mindestlohn von 15 kanadischen Dollar(etwa 10 Euro) pro Stunde gefolgt. Durch diese Maßnahmen, sowie die stabilen Tarifabschlüsse, ist auch in die Entwicklung der kanadischen Durchschnittslöhne wieder Bewegung geraten. So konnte 2019 nach vorläufigen Berechnungen ein Plus von etwa fünf Prozent erreicht werden, während die gesamte vorherige Dekade nur ein Gesamtplus von 11 Prozent(darunter auch mehrere Jahre mit Rückgängen und Stagnationen) erbracht hatte. Obwohl die traditionellen Industrieregionen im Süden Ontarios sich in einem massiven Strukturwandel befinden und dort mehrere Städte»abgehängt« zu werden drohen, ändert sich 1
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April 2020
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