FES BRIEFING KASACHSTAN Gewerkschaftsmonitor August 2022 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Die Republik Kasachstan hat am 16.12.1991 ihre Unabhängigkeit von der ehemaligen Sowjetunion erlangt. In der Präsidialrepublik mit einem Zwei-Kammern-Parlament verfügt der Präsident von Beginn an über eine herausgehobene Stellung im System. Zu Beginn des Jahres 2019 kam es jedoch zu einem politischen Erbeben: Der erste Präsident, Nursultan Nasarbajew, trat nach fast 30 Jahren im Amt am 19. März zurück. Er richtete sich in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung und ernannte seinen langjährigen Vertrauten Kassim-Schomart Tokajew zu seinem Nachfolger und Interimspräsidenten. Nasarbajew blieb weiterhin mit weitreichenden Macht- und Aufsichtsbefugnissen ausgestattet: so wurde er zum»Elbasy«(z. Dt.»Führer der Nation«) ernannt und war darüber hinaus Vorsitzender der Regierungspartei Nur-Otan(z. Dt.»Licht des Vaterlandes«), Vorsitzender des nationalen Sicherheitsrates und Mitglied des Verfassungsrates Kasachstans. Nasarbajews Nachfolger Tokajew war zu diesem Zeitpunkt Senatspräsident, auf dessen Position die älteste Tochter Nasarbajews, Dariga Nasarbajewa, folgte. Sie nahm damit den zweithöchsten Rang im Staate ein. Zum Überraschen vieler vermochte es der zweite Präsident sich in der Folge eigenständig zu positionieren und Akzente zu setzen. Tokajews Handlungsrahmen war zwar insoweit eingeschränkt, dass er größere politische Anliegen mit seinem Vorgänger absprechen musste, dennoch wurde gerade während der Coronapandemie und in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 sichtbar, dass die neue Regierung eigene Wege gehen wollte und Tokajew sich von seinem politischen»Ziehvater« entfernt hatte. Besonders deutlich wurde das in Neubesetzung von Schlüsselpositionen: so musste beispielsweise Dariga Nasarbajewa, die Tochter des ersten Präsidenten, auf Drängen des zweiten Präsidenten zurücktreten. Durch diverse Initiativen, die auf die Stärkung der sozialen Gerechtigkeit abzielten und das sog. Konzept des»zuhörenden Staates«, versuchte Tokajew ein anderes Kasachstan zu begründen, ohne damit wirklich durchschlagenden Erfolg zu haben. Die Coronapandemie setzte der Wirtschaft des Landes zu und verstärkte existierende soziale Ungleichheit. Kasachstan erlebte in den ersten Januartagen des Jahres 2022 die größten und gewaltsamsten Proteste seit Staatsgründung mit hunderten Toten, brennenden Regierungsgebäuden, einem Rücktritt der gesamten Regierung sowie dem Einsatz ausländischer»Friedenstruppen« der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit(OVKS), einer von Russland dominierten Sicherheitsorganisation. Die anfängliche Wut gegen gestiegene Energiepreise im Westen des Landes entwickelte sich zu einer komplexen Gemengelage, die Rufe nach politischer Neuordnung, wirtschaftlichen Reformen sowie ein Ende von Korruption und Patronage umfassten. Analog vollzog sich ein offener Schlagabtausch zwischen den Machteliten im Land und eine Neuordnung der politischen Verhältnisse. Am Ende konnte sich Präsident Tokajew durchsetzen. Seine Antworten auf die Situation im Land waren in einem ersten Schritt sozio-ökonomische Initiativen, wie beispielsweise die Schaffung eines Sozialfonds, aber in der Folge auch politische Reformen, wenn auch top-down angekündigt, die im Juni 2022 durch ein Referendum vom Volke bestätigt wurden. Laut offiziellen Bekanntmachungen sollte das superpräsidentielle System abgeschwächt und Parlament, Gerichte und andere Institutionen gestärkt werden. Erlan Karin, der wichtigste Berater des Präsidenten, sprach in diesem Kontext von einem»neuen Bild der Zukunft des Landes«. Dieses stütze sich»auf die Notwendigkeit, die öffentlichen Werte zu erneuern und eine neue Qualität der Nation zu bilden«. Mit dem Konzept eines»Neuen Kasachstans« habe der Präsident damit ein Ziel skizziert, das Kasachstan – so wörtlich –»für die nahe Zukunft aufbauen soll«. Es soll ein tiefgreifender und langwieriger Prozess der gesellschaftlichen Transformation gestartet werden. Es bleibt abzuwarten, ob hierbei wirkliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Änderungen analog zu den Forderungen der Bevölkerung umgesetzt werden. WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE LAGE Die Wirtschaft der Republik Kasachstan hat nach dem Zerfall der UdSSR einen großen Einbruch erlitten. Reformen waren dringend notwendig, aber schwierig umzusetzen. Die Regierung fing an, massiv in seinen Rohstoffsektor zu investieren, 1
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2022
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