FES BRIEFING KIRGISISTAN Gewerkschaftsmonitor Juli 2023 POLITISCHE, WIRTSCHAFTLICHE UND SOZIALE RAHMENBEDINGUNGEN POLITISCHE ENTWICKLUNG Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991 befindet sich die kirgisische Republik in einem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Transformationsprozess. Durch drei als Revolutionen bezeichnete Aufstände in den Jahren 2005, 2010 und 2020 wurden autoritäre Herrscher gestürzt. In Folge der sogenannten Aprilrevolution von 2010, die über 80 Todesopfer forderte, bekannten sich die Kirgis*innen in einem Verfassungsreferendum zur parlamentarischen Demokratie. Nach den im Oktober 2020 von Betrugsvorwürfen überschatteten Parlamentswahlen kam es erneut zu massiven Protesten und gewalttätigen Ausschreitungen in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. In der Folge wurde das Wahlergebnis annulliert und Präsident Jeenbekov musste seinen Rücktritt erklären. Als neuer starker Mann setzte sich der Populist Sadyr Japarov in einem international kritisierten Prozess an die Spitze des Staates und kündigte rasch neue Präsidentschaftswahlen und ein Referendum über eine neue Verfassung an. Nachdem Japarov die vorgezogenen Präsidentschaftswahlen Anfang 2021 gewonnen hatte, wurde am 11. April in einem landesweiten Referendum für eine neue Verfassung gestimmt, die eine starke vertikale Machtstruktur schafft, den Parlamentarismus zugunsten eines Präsidialsystems de facto abschafft und in vielen Bereichen autoritäre Strukturen vorsieht. Am 5. Mai ist die Verfassung offiziell in Kraft getreten. Expert*innen gehen nicht davon aus, dass sich ein politisches System etabliert, was sich von den Vorgängerregierungen unterscheidet. Kirgisistan galt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als»Insel der Demokratie« in einem Umfeld autoritärer Regierungen in Zentralasien. Trotz zahlreicher Revolutionen konnte sich allerdings nie eine funktionierende Demokratie mit einem starken Parlament und Parteien etablieren. Es ist angesichts der Zeitenwende nicht davon auszugehen, dass das kleine zentralasiatische Land nach drei Dekaden steter Unruhe nun eine Phase der Stabilität und Konsolidierung zu erwarten hat: Massive Grenzkonflikte mit dem Nachbarn Tadschikistan, eine ökonomische Dauerkrise sowie die drückende Schuldenlast gegenüber der Volksrepublik China haben das Potential zu weiterer Destabilisierung. Der Krieg in der Ukraine und die in der Folge gegen Russland verhängten Sanktionen haben zu einem Wirtschaftswachstum in Kirgisistan geführt. Die kirgisische Wirtschaft hat geschickt verstanden, den Bedarf der russischen Wirtschaft an Waren und Geld zu bedienen. Allerdings dürfte dieses Geschäftsmodell aus Angst vor Sanktionen gegen Kirgisistan in 2023 nicht mehr haltbar sein. Sollte gleichzeitig die russische Wirtschaft in Schwierigkeiten geraten, dann würde auch das Volumen der Rücküberweisungen von Arbeitsmigrant*innen aus Russland gefährdet, die bisher etwa ein Drittel des kirgisischen BIP ausmachten. Die kirgisische Regierung versucht daher, neue Zielländer für Arbeitsmigrant*innen zu erschließen, um das Klumpenrisiko Russland zu minimieren. Korruption(Transparency International Corruption Perception Index 2022: Rang 10/180) und Netzwerke des organisierten Verbrechens haben enormen Einfluss in der kleinen zentralasiatischen Republik. Kaum scheint Ruhe eingekehrt zu sein, erschüttert ein weiterer Skandal das Land bis in die politischen Eliten hinein. Dies fördert Verdruss und Verbitterung innerhalb der Bevölkerung, die sich in politischer Apathie abwendet. Symptomatisch für die allgegenwärtigen Schwierigkeiten ist die Rolle der Parteien im politischen System, die durch die neue Verfassung weiter marginalisiert werden. Das Gros der Parteien muss als klientelistisch charakterisiert werden. Programmatische, wertegeleitete Politikansätze lassen sich nur schwerlich identifizieren. Dies hat auch zur Folge, dass keine Partei für die Gewerkschaften als Transmissionsriemen in Politik und Gesellschaft hineinwirken könnte. Vielmehr erwies sich das schwach institutionalisierte Mehrparteiensystem in der Vergangenheit viel zu häufig als einträgliches Geschäftsfeld, in dem mit Ämtern und Listenplätzen Handel betrieben wurde. Aufgrund zu geringer Mittel für Organisation, Kommunikation und Wahlkampf sind die Parteien auf Spenden angewiesen, die es etwa Oligarchen ermöglichen, sich in Parteien einzukaufen und diese als Instrument zur Absicherung ihrer Geschäftsinteressen zu nutzen. Ein Umstand, 1
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2023
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